„Was war nochmal am Sonntag?“

Kieznachwirkungen ausschlafen?

Grillen am Elbstrand?

Mist, da war noch was. Was war das nur?

Ah, jetzt habe ich es: es ist Europawahl.

Ein Freund von mir sagte gestern:“Ach Europawahl, geht mir ne Handbreit am Arsch vorbei. Ganz ehrlich. Da sind doch eh nur die von ihren Parteien hingeschickt worden, die hier in Deutschland rumnerven. Und was betrifft uns das schon?“ Nun, die Antwort darauf ist relativ einfach. Sicher beschäftigt sich das Europaparlament auch mit Gesetzesunsinn wie beispielsweise der Krümmung der Gurken. Aber die Vorlage für die Einführung Bachelor/Master kam auch aus Brüssel und so sind viele Gesetzesänderungen, die in Deutschland geschehen in Brüssel geboren. Darum sollte man auch an der Wurzel schon von seinem Recht der Mitbestimmung Gebrauch machen wollen.

Ich nahm gestern Abend mein Handy in die Hand um meine fast 21jährige Schwester anzurufen. Seit sie wählen darf, habe ich sie zu jeder noch so kleinen Wahl (gibt es das überhaupt?) angerufen und bin mit ihr die Parteien und die Themen durchgegangen. Die letzte Kommunalwahl haben wir dann sogar gemeinsam zelebriert. So mit gut frühstücken, schick machen, wählen gehen – gut fühlen.

Sie sagte damals : „Warum fühle ich mich so gut? Weil ich meine Bürgerpflicht erledigt habe?“ Wißt Ihr. was ich an meiner Schwester so liebe ist, dass man realisiert, wie wenig wichtig die Schulbildung auf das Talent der inneren Reflektion und damit auch der Argumantationsstärke ist. Ich wartete also 1 Minute, ließ ihr Zeit zu grübeln und lächelte als sie ausrief: „Nein, wieso Bürgerpflicht. Ich habe ja was tolles getan. Ich habe von meinem Recht Gebrauch gemacht, hier etwas mitzubestimmen. Ich kann ja auch nicht immer nur meckern, immerhin habe ich einen kleinen Einfluss.“ Zufrieden grinste sie mich an und wir machten uns noch einen schönen Tag.

Als ich meine Schwester nun gestern als erste in der Reihe anrief, war sie müde und kaputt von der Arbeit (Arzthelferin). Viele Überstunden, schlechte Bezahlung, genervte Patienten. Sie warf zu Beginn ein, dass sie eigentlich gar keinen Nerv hat sich damit auseinander zu setzen. (So kann man natürlich das System auch aufrecht erhalten, indem man alle sich gleichgültig schuften lässt >anderes Thema, bald diskutiert.) Genau das hielt ich ihr dann auch sanft vor. Das Argument welches nun folgte konnte ich natürlich auch nicht gelten lassen:“Ich hab doch auch gar keine Ahnung, was gerade die Themen sind und welche Parteien es überhaupt gibt.“

Grundsätzlich halte ich nicht viel von dem Wahlomat, als einziges Rechercheinstrument. Aber wenn es dazu dient, dass man sich zumindest einmal mit den Themen auseinandersetzt, dann ist schon viel geholfen. Ich setzte mich nun also an den Rechner und ging These für These mit ihr die Themen durch, erklärte ihr die verschiedenen Positionen und natürlich auch den Background dazu. Wenn ich selbst nicht ganz firm war recherchierte ich flugs. Das zog sich 2 Stunden hin und es entbrannten interessante Diskussionen. Dabei war mir, wie in den Jahren zuvor, auch wichtig, dass ich ihr nicht meine Meinung überstülpe sondern so neutral wie möglich die Pros und Cons aufliste. Was ich wirklich schön fand war, dass ich das Gefühl hatte, ihr Interesse steigt, weil jemand sie und ihre Stimme ernst nimmt (evtl. noch ein Thema, welches man mal angehen sollte). Wenn man nun also die Thesen des Wahlomates alle für sich eingeordnet hat (stimme zu, stimme nicht zu, neutral, These überspringen), bietet sich die Möglichkeit, bestimmte Antworten doppelt zu gewichten, weil sie einem besonders am Herzen liegen (tolle Sache). Im Anschluss kann man aus den Parteien 8 auswählen, mit denen man seine Antworten vergleichen möchte. (Jede Partei hat diese Fragen offen und nachlesbar beantwortet, inkl. Gewichtung). Das Ergebnis ist dann eine Rangliste der Übereinstimmungen.

Ein weiterer Vorteil, den dieses Gespräch gebracht hat (abgesehen davon, dass die Kleine nun wählen geht und auch begründen kann warum und wen) ist, dass sie mich als bekennende Piratenwählerin gefragt hat, was mich zu dieser Entscheidung bewegt. In diesem Zusammenhang habe ich das Wort Zensur in den Mund genommen. Dies führte dazu, dass sie einwarf:“Aber wieso Zensur, es geht doch gegen Kinderpornografie?“ Ich hatte gar nicht von der Zensursula im speziellen gesprochen. Interessant also, dass sofort das Wort Zensur schon in den Zusammenhang mit Kinderpornografie gebracht wird. Und noch interessanter, dass der mäßig politisch interessierte sofort die Kinderpornokeule rausholt. Dies konnte ich glücklicherweise (wie schon milliardenfach im Netz diskutiert) relativ schnell umkehren. Dies hat meine Schwester dann extrem empört. Sie fühlte sich betuppt von den Medien und ärgerte sich in erster Linie für ihre davor unkritische Haltung. Ich wollte sie testen und fragte sie:“Naja, aber zum Thema Onlineüberwachung: wir sind ja immerhin auch auf allen Portalen mit Profilen und gehen sehr freizügig mit unseren Daten um!“ Kurze Pause. Dann:“Ja, aber das ist doch was völlig anderes. Das entscheide doch ICH, was ich freigeben möchte, und wann und wo und wem.“ Sauber.

So beschwingt wählte ich die Nummer der anderen Schwester auf der Liste. Die ist aber nicht rangegangen. Sie ist grad Mutter geworden und hat keine Zeit. Vermutlich auch nicht für die Wahl. Ich versuche es bis Sonntag weiter. Schließlich werden die Geschehnisse in Brüssel auch ihre Kleine irgendwann betreffen.

Next call: Mama. FDP. Unumstößlich und auch ohne Begründung und Wissen. Was soll man machen. Stammwähler. Fast noch schlimmer als Nichtwähler 😉

Und der letzte: Papa. „Hallo Papa. Und wie entscheidest du dich am Sonntag?“ -„Was war nochmal am Sonntag?“ – „…“ -„Sag schon“ – „Papa!!!! Europawahl“. -„hab ich keine Einladung bekommen“ – „Papa…“ – „Ach das interessiert mich nicht.“ und mit einem Schmunzeln -„Die NPD ist eh nicht dabei.“ ich mich mühsam beherrschend, da ich ja eigentlich weiß, dass er mich nur provozieren will -„Aber die REP und die DVU, wenn es denn sein muss.“ -„Ach Kind, lott dat doch, wat weet ick denn dovan, außerdem sagt man doch, wer nicht wählt wählt rechts, dann ist doch allet in Butter? Ich muss nicht mal hingehen um meine Meinung kundzutun?“ -„www.wahlomat.de und nebenbei, das ist Blödsinn. Wer nicht wählt unterstützt letztendlich die Wahlsieger…“ Ich konnte ihn zumindest dazu bringen, sich die Wahlomatseite anzuschauen und sich mit den Themen auseinanderzusetzen, um am Sonntag mit einer einigermaßen fundierten Meinung hinzugehen.

Vor den Wahlen ist es immer so anstrengend 🙂

So, jetzt freue ich mich auf eine Diskussion zum Thema Europawahl im Allgemeinen und natürlich auch gern zu „ungültige Stimmen“. Meine Meinung dazu: Besser als Nichtwählen. Nicht weil es am Ergebnis irgend etwas ändern würde. Aber es ist zumindest ein Anerkennen des Systems „wählen“ und ein Zeichen dafür, dass man das Angebot für unwählbar hält. Also ebenfalls ein Statement.

Und jetzt tschüss Ihr Idioten! 🙂 (Danke an lebambi dafür)

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Politik

4 Antworten zu “„Was war nochmal am Sonntag?“

  1. lebambi

    Meine Wahl ist gefallen.
    Das meine ich ernst.
    Ich hab´s mal wieder vergurkt. Genauso, wie die anderen Termine an diesem Wochenende, die ich lieben Menschen zugesagt habe, werde ich auch die Wahl nicht einhalten können, da ich mich (wie sagt man so schön) ausser Landes befinden werde.
    Ist aber auch nicht sooooo dramatisch, da ich dieses Mal einer Partei die Stimme gegeben hätte, die wie ich erfahren habe zwar mehr % erwarten, als ich Ihnen jemals zugetraut hätte, deren Wahlprogramm aber eigentlich eher lustig als Grundsatz-verändernd gewesen wäre.
    Und nein, ich rede nicht von einer Rechtspartei, die zwar auch immer wirken als würden sie die politische Bühne für ihr Kasperletheater nutzen, sondern von einer „echten“ Randgruppenpartei.
    Apropos Rechte, wer ausser mir glaubt, dass die eigentlich selbst nicht wissen, was ihr Programm ist und sie eigentlich nur da sind um anderen ein Dorn im Auge zu sein?

    Ich meine Rieger, der kann sich doch unmöglich ernst nehmen, oder?

  2. fabiang666

    der wahlomat sagt ich sollte die DVU oder die REP wählen…

  3. ach echt! 😉

    Und Rieger plant mit seinen Konsorten die Abschaffung der Demokratie, dann braucht man auch kein Wahlprogramm. Lesen deren Wähler eh nicht, weil sie nicht selbst bestimmen oder denken wollen, sondern einen Führer brauchen, der im Idealfall auch auf denen rumhackt, die ihn nerven und er selbst keinen Mumm hat was zu verändern…

  4. werbespott

    Was war noch mal am Sonntag?
    Ach ja, Wahlkrampf.
    (Is nicht persönlich oder wertend gemeint, aber bei nem guten Wortspiel kann ich nicht wiederstehen….)

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