wo fängt die Krise an?

Halb 4 heute Nacht. Ich werde wach, weil ich irgendwelchen konfusen Scheiss geträumt habe. Ganz bekomme ich es nicht mehr zusammen, aber unter anderem musste ich mich bei einem Theken-Brocken auf irgendeiner Party rechtfertigen, weil ich bei einem 5 EUR teuren Bier kein Trinkgeld gebe. Es ist nicht so, dass ich schweißgebadet aufgewacht wäre, aber während des erneuten Wegdämmerns höre ich, dass ich eine SMS erhalte. Da meine Freundin bei mir ist und Familie im Falle einer Tragödie anrufen würde, ignoriere ich das Gepiepse geflissentlich immerhin ist gleich ja ein neuer tag und dann reicht es immer noch, wenn ich erfahre, was irgend jemand beklopptem um solch Zeit wichtig scheint.

7.49 Uhr. Jetzt geht es darum, wer die Poleposition im WG-Bad ergattert. Mein Mitbewohner ist noch nicht zu hören und da wir gestern ein oder zwei Bierchen hatten verschafft mir das einen zeitlichen Vorteil. Doch halt, da war ja noch die SMS. Ich lese also, dass mein bester Freund seit halb zei unterwegs ist um mit geschätzt 4 Mio anderen Menschen dem genuss alkoholhaltiger Getränke zu frönen und dabei diverse Bands verschiedener Genres zu lauschen. Eingeweiht oder zumindest nicht ganz Medienfremde wissen, dass ich vom Rock am Ring Festival spreche. Seine Ankündigung: 3 Tage wach und das erste Bier auf mich. Echte Freunde eben. Kurz überlege ich, ob ich es ihm gleich tue und zum Frühstück das letzte kalte Astra trinke, besinne mich aber meines Tagewerks und entscheide mich dagegen. Nach Dusche und Busfahrt bleiben mir jeden morgen ca. 8 Minuten Fussweg, was ausreicht um eine Zigarette zu rauchen und eben jenen Freund anzurufen, was aber nicht gelingt – vermutlich schon sternhagelvoll, nachdem das erste auf mich und die restlichen 10 Biere auf die gute Stimmung geflossen sind.

Weit gefehlt. um 13.3irgendwas ruft er mich an. Sie sind um 7 angekommen und haben nun, nachdem sie etwa 10 km vom Festivalgelände entfernt einen Parkplatz gefunden und Zelte und Grill installiert haben, etwas Zeit um zu erzählen was so „abgeht“. In erster Linie geht Ihnen ein kurzer Weg zum Gelände ab, was aber durch Shuttle-Busse und Wegbier gelöst werden kann. Als nächstes geht Ihnen menschliche Wärme ab. Der Parkplatzeinweiser, Marke frag und ich geb dir ne handfeste Antwort, war dermassen glücklich die Truppe zu sehen, dass er ihnen fast einen freundschaftlichen Faustschlag mit ins Wochenende gegeben hätte. Der erste Zeltkreis wurd aufgegeben, nachdem die bereits ansässige Dorfjugend ihnen erklärt hat, man hätte für Kumpels reserviert und es gäbe was auf´s vor Erstaunen aufgerissene Maul. Tja, derart freundlich willkommen haben sich die 7 dann ein anderes lauschiges Plätzchen gesucht.

Kommen wir nun aber zum eigentlichen Thema des Artikels. Angesichts dieser Nachrichten stellt man sich schon ein wenig die Frage, wann denn die Krise ausserhalb von Boulevardartikeln und Mittagsmagazinen in der Bevölkerung ankommt? Als ich noch zu Rock am Ring gefahren bin (damals gab´s noch die Mark und Hansa auf Paletten), sind wir Freitag extrem früh los, haben 10 Fussminuten vom Festivalgelände gezeltet und unsere Zelte im kommenden Jahr für´s campen am Bodensee verwendet. Jetzt? Donnerstag morgen um 7 Uhr ist die Grütze schon  so voll, dass man in Frankreich parken muss, die zelte sind Problem der Organisatoren und die Ticketpreise sind gleich geblieben, allerdings gibt es jetzt den Euro, was letztendlich 100% Preissteigerung bedeutet. Und trotzdem treffen wieder knapp 100.000 Leute dort ein, kommen aus allen Winkeln der Republik und sogar über deren Grenzen hinaus und hauen an 3 Tage mehr Kohle raus, als andere für ne Kleinfamilie im Monat zum Leben haben.

Ich frage mich also, was mit der Krise ist? Denn eigentlich gehört doch die Entertainment-Branche immer zu den größten Jammerlappen. Da werden die Konsumenten schon mal als ignorante Arschlöcher beschimpft, weil sie für ein 5 Titel-Minialbum keine 30 EUR bezahlen wollen, oder Kinobesitzer verpönen die DVD, weil sie das Kino kaputt macht. Einzig die Erlebnisgastronomie unter den Konzert-Events (Festivals) scheinen keine Absatzprobleme zu haben. Liegt es daran, dass alle noch mal ordentlich auf die Kacke hauen wollen, bevor Deutschland zum Dritt-Welt-Land abgestuft wird, oder glauben wir so langsam gar nicht mehr an die Medien-„Krise“? Ist es uns vielleicht sogar egal, weil wir eh nichts mehr daran ändern können, dass jemand, der jetzt auf Aruba seinen schlaffen Büroarsch in die Sonne hängt unsere Kohle verprasst hat? Oder ist es Teil eines großen Plans, dass wir die Krise wegkonsumieren? ICH weiß es nicht, aber wenn am Sonntag die Wahllokale schließen, werden immer noch einige wenige lattenvoll auf den Nürburgring pissen, kotzen oder scheißen, deren Meinung mich an der Urne schon irgendwie interessiert hätte.

Es kommt wie es will, aber selten allein, freuen wir uns also gemeinsam auf die Festivalsaison und helfen wir der deutschen Wirtschaft mit jedem Promill, über die Selbstverstümmelung hinwegzukommen. Nüchtern lässt sich der Scheiß eh kaum noch ertragen.

In diesem Sinne, Party on Wayne (Wayne interessierts denn schon?)

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines

10 Antworten zu “wo fängt die Krise an?

  1. fabiang666

    deine artikel sind zu lang 😛
    nee mal im ernst. wenn man in die deutschen innenstädte schaut frage ich mich das auch. die leute kaufen wie bekloppt. die kriese betrifft derzeit eher noch die konzerne und weniger den verbraucher. mal sehen wann das bei uns ankommt. aber abgesehen davon war das blöde rock am ring mir eh immer zu mainstream 😉

    das größte problem was wir wirtschaftlich aber haben ist:

    – zu hohe lebenshaltungs kosten (gas wasser strom GEZ).

    wenn man sich mal anschaut was so ein ottonormal bürger im montat alles abdrücken muss….

    bei 1200 netto bleibt da nix mehr.

  2. right, so sehe ich das auch… also alles inkl. Mainstream-RaR 🙂

    aber seid euch sicher, die RaR-Besucher haben sicher Briefwahl gemacht 🙂

  3. werbespott

    In der aktuellen brand eins Ausgabe gibt es einen Artikel über das Phänomen,
    das Mneschen nicht bereit sind, für Musik zu zahlen (die gibt es ja für lau und immer verfügbar aus dem Netz).

    Was sie sich aber was kosten lassen sind Erfahrungen, Events von denen man berichten und Bilder zeigen kann.

    Da kauft man dann auch gerne noch ein Shirt und als Andenken an den geilen Abend ne CD.

    Aber ich schwiefe zum Thema Musikindustrie ab.

    Meine Erklärung für das Phänonem, das Du oben beschrieben hast ist einfach diese:
    Menschen die auf Festivals gehen sind tendenziell eher jung, haben warscheinlich keine Unsummen Geld an der Börse verloren und sind zum größten Teil noch in Schule oder Ausbildung.

    DA macht man sich ja auch keine Gedanken über die Wirtschaft. Hab ich zumindest nir gemacht…
    😉

  4. also das Publikum bei RaR ist sicher schon älter, allein um sich das leisten zu können 😉

  5. werbespott

    Rauchen ist auch nicht schädlich. ;Meine Ur-Oma hat geraucht bis sie 85 war und ist mit 92 gestorben. #Einzelfälle

  6. halte ich für gefährlich das so zu pauschalisieren…

    gibt es da Daten und Quellen?

    Also ich war noch nie auf RaR

  7. fabiang666

    ich mag pauschalisieren 🙂

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