wem nützen wir mit demos gegen die Situation im iran?

Ich zerbreche mir gerade den Kopf und denk mich noch zu Tode. Und das trotz Erschöpfung. Das macht es nicht eben leichter.

Zwei Meldungen bei SPON haben aber eben dazu geführt, dass ich nun doch (wenn auch nur kurz) meinen Senf ablassen muss.

Meldung 1: USA bitten Twitter, die Wartungsarbeiten zu verschieben, damit die Iraner ungehindert twittern können.

Ich bin da jetzt geteilter Meinung. Heute habe ich zum Beispiel auch meine Twittersettings auf „Tehran“ gestellt. Ort und Zeit. Das soll helfen, die Twitterer, die wirklich aus Teheran kommen, in der Masse verschwinden zu lassen. Denn wenn das jeder einstellt, dann ist es schwerer nachzuvollziehen, wer sich (aus Sicht des Prügelknaben Ahmadenischad) wirklich des Landesverrates schuldig gemacht hat. Andererseits spielt es aber auch denen in die Hände, die Bericht erstatten. Auf einmal sind es viel mehr Twitterer aus dem Iran, die ihrem Unmut Luft machen. Die USA pflegen und polieren so natürlich ihr selbstentworfenes und auch nur von sich selbst abgekauftes Image des „Befreiers“. Und können auf die Zahl der Unterdrückten und Verweigerer blicken, die künstlich hochgehalten ist.

Meldung 2: Obama verweigert Mussawi die direkte Unterstützung.

Auch hier eine doppelte Meinung. Zum Einen verstehe ich die indirekte Aussage, es sei letztlich egal, wer vorn steht, hinten ziehen weiter die religiösen Führer die Strippen. Nur ist es so, dass die klar Ahmadenischad unterstützen und es einer Kritik am religiösen Führer Chamenei gleichkommt, wenn man den frisch „gewählten“ Präsidenten nicht annimmt. Nebenbei bemerkt ist dies mit der Todesstrafe belegt (meines Wissens – bin gerade zu müde für einen Link). Wenn sich nun also die Weltmächte einschalten, dann kann es doch sein, dass möglicherweise (ich Naivchen), diese Haltung überdacht wird? Andererseits weiß ich nichts darüber, ob Mussawi wirklich die bessere Lösung ist.

Wie ich es dreh und wende, ich komme nicht weiter. Sind die Demonstranten eine Minderheit? Läuft es doch nur (hier im Westen) darauf raus, die ach so aufgeklärte Masse zu mobilisieren, damit sie sich möglicherweise mit einer Minderheit solidarisiert? Damit die Regierungen einen Grund für eine Eskalation im Iran sehen? Damit es doch einen Krieg gibt? Im Gegensatz zum Irak diesmal ohne Lügen, sondern weil dieses ganze Aufstacheln in Verbindung mit dem sowieso schon angespannten Ton, letztlich zu einer Trotzreaktion führt? Zu einer Trotzreaktion, die eine friedliche Revolution aus dem Iran heraus verhindert, weil sie eigentlich auch gar nicht gewollt ist? Die provoziert, dass es zu einem Völkermord kommt, der einen Krieg rechtfertigt? Einen Krieg, den wieder nur Spekulanten und Ölinteressenten gewinnen? Damit wieder ein Staat mehr ausgebeutet und noch mehr allein gelassen wird? Oder brauchen die Iraner die Unterstützung der Menschen aus dem Ausland, damit sie wissen, dass sie nicht allein sind? Weil das ihre Moral stärkt und sie so die Revolution schaffen können? Wie muss die Revolution aussehen? Was muss sie letztlich alles umwerfen? Es reicht doch nicht, wenn der Präsident sich ändert, das ganze System krankt doch?

Mir dreht sich der Kopf. Ich muss noch länger darüber nachdenken. Spätestens bis Samstag. Damit ich weiß, ob es wirklich so klug ist, sich hier durch die Hamburger Stadt zu demonstrieren und dabei möglicherweise etwas zu provozieren, was meine letzte Intention ist.

kreativgeschwister

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines

8 Antworten zu “wem nützen wir mit demos gegen die Situation im iran?

  1. fabiang666

    ich finde das ist recht einfach. man muss die iraner machen lassen. es ist ihre revolution. das bedeutet nicht, dass man sie im stich lassen soll. aber mit ihnen zu demonstrieren verursacht mehr schaden als nutzen. jetzt müssen die iraner lernen selber für ihre freiheit zu kämpfen. und twitter nicht offline wegen wartung zu nehmen wird über den ausgang nicht entscheiden. das können die iraner nur selber. und nur wenn sie es selber schaffen ihr schicksal vorbei an den klerikial faschisten selber zu bestimmen ist die revolution etwas wert. ansonsten werden linke ideologen und eben die klerikial faschisten bis in alle ewigkeit behaupten der westen hätte das initiiert.

  2. du immer mit deinen linken Ideologen 😉

    • fabiang666

      ja mich nerven menschen die sich weigern selber zu denken 🙂
      bei rechten ideologen erwartet man ja nix anders. aber alleine schon, dass linken ideologen vornehmlich die westliche gesellschaft kritisieren und abschaffen würden ist immer lustig, sind sie doch ein elementarer teil davon. das ist denen aber zu kompliziert als das sie es verstehen könnten.

  3. cociv

    Die Frage ist doch, wie auch schon benannt, was tun? Sollte man nun auf die Straße gehen? Wenn ja, wieso? Um einem Regime, das sich einen Dreck schert zu zeigen so nicht? Oder um die Weltöffentlichkeit, die bereits Bescheid weiss, darauf aufmerksam zu machen?
    Ich denke, dass es ein Problem des Irans ist, das auch der Iran zu lösen hat. Eine Einmischung von ausserhalb würde alles nur noch schlimmer machen. Im worst-case-scenario bedeuten, dass sich eine Schutzmacht, sei es nun ein Staat oder ein Staatenbund, aufmacht um den Iran von ihrem ruchlosen Führer zu befreien. Was aber, wenn dieser Führer der ehrlich gewählte ist? Es gibt in der Geschichte genügend Beweise, die zeigen, dass man sich dabei auch irren kann und die Opposition im Unrecht ist.
    Aber kann man, wenn man denn nun nichts tun kann, dastehen und zuschauen wie Demonstranten niedergeschossen werden und einfach nichts tun? Man wird es wohl müssen….

  4. lebambi

    Ich bin schwer beeindruckt von deiner differenzierten Meinung in dem Artikel. Aber in gewisser Hinsicht denke ich, weiß man schon fast wohin die Reise geht.
    Ich glaube es ist nicht falsch, wenn man Kritik an Unterdrückung und Mord übt. Auch diverse Staaten wenden sich derzeit an die jeweilige Iranische Botschaft um z.B. die Behinderung der Medien im Iran zu rügen. Dass das nicht viel bringt, wissen wir von den Chinesen. ABER nichts zu tun halte ich auch nicht für richtig.
    Fabian hat dahingehend Recht, dass er sagt es sei die Revolution des iranischen Volkes, aber man muss auch sehen, dass Revolutionen mehr sind als Demos, Steine und eine Miliz.Es ist auch die Beachtung von außen, die ideologisch/moralische Unterstützung.

    In diesem Sinne denke ich, es ist richtig und wichtig zu zeigen, dass man das Problem erkennt und zu verstehen versucht. Falsch jedoch wäre es, wenn wir damit einen Krieg der Supermacht Amerika im Iran sanktionieren. Nach Obamas Rede zum neuen Verhältnis der arabischen Welt und Amerika glaube ich allerdings nicht, dass er dies gleich wieder zertrümmern wrd in dem er eines der Aushängeschilder vom Palast rupft.

    Es bleibt abzuwarten und Solidarität zu demonstrieren!

  5. Hallo Christine!

    Ich will auch erst Mal meine Hochachtung aussprechen, dass du dir nicht zu fein bist, deine Nichtmeinung und deine Zerrissenheit auszudrücken.
    Aber sei versichert, dass die Demonstranten keine Minderheit sind. Ich kann jetzt nicht viel mehr schreiben, nur auf meine Einträge hier hinweisen, aber ich hoffe, ich finde noch mal Zeit, das ausführlicher zu tun.

    http://www.wildstylemag.com/index.php/magazine/blogs/Ein-Vorschlag-fA-r-eine-weltweite-Kampagne.html

    Das sind nicht primär Mussawis Anhänger, sondern junge Leute, die frei sein wollen.
    Und die verdienen jede Unterstützung.

    • hallo form – das sehe ich genau so. Meine Zerrissenheit begründet sich wohl auf den Erfahrungen, dass hehre Ziele in der Vergangenheit zu oft missbraucht wurden, um nicht so hehre Ziele durchzusetzen.

      BTW: ich habe heute den Organisator der Demo der Iraner in HH (Samstag 13-17 Uhr, Start Hamburg Hbf) angeschrieben und darauf hingewiesen, dass die Piratenpartei eine Antizensur-Demonstration plant. Auch am Samstag Mittag. Ich habe angeregt, dass man etwas gemeinsames schafft. Um das Thema Freiheit auf die Agenda zu setzen und die Kräfte zu bündeln.

      Auch hier bin ich mal wieder zerrissen. Ich meine, die Iraner sind in einem Kampf, bei dem es um Leben und Tod geht und setzen mit jedem Wort, das sie twittern facebooken oder schreien, ihr Leben aufs Spiel. Wir versuchen gerade, den Anfängen zu wehren. Für den Iraner in Teheran auf der Straße muss es zynisch wirken, weswegen wir hier auf die Barrikaden gehen.

      Aber: jeder kämpft für seine Freiheit – von seinem individuellen Standpunkt heraus. Und die Iraner hier in HH leben auch in Deutschland. Warum also sollen sie nicht mit dafür kämpfen, dass hier in D keine Strukturen geschaffen werden, die zumindest einen Weg bereiten für Schlimmeres. Und warum sollen wir hier in D uns nicht mit den Iraner solidarisieren, die doch gerade das Internet nutzen, um ihren Ideen, Wünschen und auch Idealen Raum zu geben?

      Ich bin gespannt auf seine Antwort.

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