Ich glaub´ es geht schon wieder los…

Heute in den einschlägigen Hamburger Boulevard-Blättern diverse Nachrichten über die Anschlagserie „vermutlich“ linker Autonomer auf Luxus-Autos in 5 verschiedenen Hamburger Stadtteilen.

Was genau passiert ist, mag ich an dieser Stelle nicht zu sagen. Ich halte mich nicht an die „Fakten“, die die Qualitäts-Reporter der MoPo haben wollen und bin nicht in der autonomen Szene, kann also auch keine „Gegendarstellung“ schreiben. Ich weiß nur, was das Ganze auslösen wird (hier). Ich unterstelle, neben Sensationsjournalismus, an dieser Stelle erst einmal keine tieferen Motive der Journallie, aber es ist klar, wozu das Ganze führt: Mehr Polizeipräsenz auf Schanze und Pauli, tiefere Verwurzlung im kollektiven Bewusstsein, dass Nazis doof, aber Autonome gefährlich sind und nicht zuletzt die Parolen einiger Stammtisch-Politiker, dass man „die Linken“ alle wegsperren müsste.

Freunde, oder zumindest geneigte Leser, ich kann natürlich als Angestellter in der Medienbranche diese Anschläge nicht gut heißen (wäre ich skrupelloser könnte das mein Auto sein). Was ich aber machen kann ist zu hinterfragen. Also z.B. WESSEN Autos haben gebrannt? Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren (2005) die Autos der Hamburger Top-Werber Holger Jung und Jean-Remy von Matt lodernder Weise die Luxusviertel für einen kurzen Augenblick in anheimelnd weihnachtliche Atmosphäre tauchten. Damals war klar, worum es u.a. ging. Die „Geiz ist geil“-Mentalität Lügen strafen, den Turbokapitalisten ihre Überheblichkeit austreiben und für Furore sorgen. Auch dieses Mal traf es wohl die Agentur-Chefs, sowie einige Luxusautos und Postfahrzeuge.

Kann man super finden, muss man natürlich nicht. Ich hatte zumindest nicht unbedingt haushohe Mitleid, aber war jetzt auch nicht so, dass ich mir nen Ast gefreut hätte, denn alles was blieb war eine Welle der Ablehnung TROTZ der Tatsache, dass es Werber getroffen hatte. Also auf Seite der „Linken“ als Erfolg nicht zu verbuchen.

Tja und nun?

Morgen ist wieder Schanzenfest, Musik, Flohmarkt, Kleinkünstler, die offizielle Eröffnung von McDonalds… Oh oh, das wird übel. Ich meine, hey, ist ja nicht so als ob Flora und Konsorten schon seit Monaten Stimmung gegen die Centrifizierung macht, dass sich Protestgruppen aus der Schanze gegen McDonalds und H&M ausgesprochen hätten. Wer auch immer da die Lizenzen vergibt spielt mit dem Feuer und was setzt man dem entgegen? Gewalt!

Dann werden die doofen Schanzenbewohner eben zu ihrem Glück gezwungen, werden Sie schon sehen, was sie davon haben, erst wenn der letzte Burger gebraten, der letzte Latte Macchiatto getrunken und die letzte Ray Ban ausverkauft ist, werdet ihr merken, dass man Freiheit nicht essen kann, dass Ideale mit braunem Zucker auch nicht besser schmecken und man auch mit Überzeugungen blind wird, wenn man stundenlang in die Sonne glotzt.

Vielleicht ist es aber auch so, dass man den Spiess mal umdrehen und sich fragen sollte, wer denn da Mist gebaut hat. Die Ur-Schanzis, die dort schon wohnten als wir Werber Eppendorf noch für den Nabel der Welt hielten? Oder die beschissenen Loha-Familien, die es schon irgendwie rebellisch, aber bitte nur während der Geschäftszeiten, wünschten und in die Schanze gezogen sind, weil das ja ach so contra ist?

Ich tendiere ja zu Letzteren. Wenn ich kein Wasser will, dann zieh ich nicht ans Meer, wenn mich die Berge stören, Finger weg vom Nebelhorn. Und wenn mich Strassenmusikanten, ausgehende Menschen, politisch angehauchte Nachbarn und ein bisschen Schmutz stören, dann zieh ich doch verf*#%te Sch@/$$e noch mal nicht in die Schanze. Da wir ja in Deutschland die freie Wohnungswahl (Art. 11 GG) haben darf ich das natürlich. Aber wenn ich dann, weil meine kleine Hope-Chantall oder mein Everest-Tycoon XY ihren Mittagschlaf nach ihrem Bio-Milch-Fläschen brauchen und ich insgesamt der Meinung bin, dass neben Freejazz alles andere nur Dschungelmusik ist, dann muss sich doch nicht der Stadtteil ändern, man ey!

Ein-atmen… Aus-atmen…

Sorry. Wo waren wir, ach ja, bei den brennenden Autos. Dank MoPo (u. anderen) wissen wir ja jetzt, dass die Brandanschläge gestern nur die Vorbereitung auf Morgen waren. Entsprechend werden ab ca. 18 Uhr diverse Hundertschaften der Polizei schwer gepanzert und mit einem nicht unbeachtlichen Waffenarsenal die Schanze in den Griff bekommen wollen. Und wer erwartet sie schon freudig? Der schwarze Block. Denn wenn die Polizei nicht da wäre, dann wären die Schanzenkrawalle nicht das Selbe. Ich sage nicht, dass es immer friedlich wäre, aber zumindest hätten wir keinen Gewalt-Tourismus…

Ok, dieses Jahr wäre es wirklich brutal, wenn es keine Polizeipräsenz gäbe, denn dass sich bei McDonalds  der Frust entladen wird, das ist klar seitdem die Konzession erteilt wurde. Ich frage mich, wie jemand Geld verdienen kann, der sich über solche Dinge nicht im Klaren ist? Die Schanze hat Jahre lang funktioniert, es gab Drogen, es gab Penner, es gab Kneipen. Viel Volk fuhr hin um sich mal umzusehen, Touristen inkl. alle die Arme um die handtaschen uns Bauchbeutel geschlungen, aber sie WAREN da. Dann wurden Mietverträge nicht verlängert, weil die ersten Hippster Wohnraum brauchten und das ist deutsche Tradition: Für gute Bürger wird Raum geschaffen, egal um welchen Preis. Die neue Medien-Elite brauchte Wohnung, so als Volk ohne Raum und weil Eimsbüttel von den Vorgesetzten zum Spielplatz für den Nachwuchs oder zur Hundewiese für die Ersatzkinder gemacht wurde, ging es Richtung Schanze. Schlimm genug, dass es seitdem statt Würstche CurryKings und statt TassKäff eben Galao gibt, aber brauchen wir dort wirklich einen H&M, hungert die Schanze wirklich nach BigMäcs? Muss es denn immer Prada sein?

Ich sage NEIN und wenn sich mit jedem weiteren Jahr auch immer mehr Anwohner über die Strassenschlachten beschweren, kann ich nur sagen, wenn man sich den schwanz nicht verkokeln will, darf man nicht ins Feuer pissen.

In diesem Sinne, Schanze höre die Signale.

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20 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines, Gesellschaft, internet, Politik, Satire

20 Antworten zu “Ich glaub´ es geht schon wieder los…

  1. St. Pokal

    Lange nicht so einen guten Beitrag gelesen.
    Ich muss dir (leider, denn es ist traurig genug, dass es soweit gekommen ist) in allen Punkten rechtgeben.

  2. lebambi

    Danke für die Blumen.
    Ja, am ersten Mai hat die Staatsgewalt schon bewiesen, dass unter Deeskalation etwas anderes versteht als der Duden.

    Und jetzt ist durch den „Auto“-Bericht auch noch eine Lobby und vorbereitende Empfindlichkeit geschürt…

    Man „sieht“ sich morgen und dann wissen wir mehr!

  3. werbespott

    Und, wie wars? Für alle die nicht in HH die Stellung gehalten haben bitte ich um einen kleinen Bericht 😉

  4. Fab

    hm, ich verstehe deinen artikel nicht ganz. sind die dort die läden bauen schuld an der gewalt?

    immerhin ist das hier noch ein freies land. und dazu gehört dass auch ein laden da aufmachen darf wo er will. und darauf mit gewalt zu reagieren ist einfach nur dumm. wer gewalt anwendet, dem sind immer die waffen des geistes ausgegangen und ich stelle mich immer gegen gewalt und auf die seite des geistes. und wenn yuppis in die schanze wollen, sollen sie halt. ich kann nicht leuten auf die fresse hauen nur weil sie mir nicht gefallen.

  5. Fab

    „Wer denn eigentlich mit den beiden Brandstiftern gemeint sei, die Frage ist mir in zwanzig Jahren mindestens von tausend Schülern gestellt worden. Gottlieb Biedermann ist ein Bourgeois, das ist offenbar. Aber zu welcher Partei gehören die beiden Brandstifter? – kein Satz, den sie sagen, weist darauf hin, dass sie die Gesellschaft verändern wollen. Keine Revolution also, keine Weltverbesserer. Wenn sie Brand stiften, so aus purer Lust. Es gibt Pyromanen. Ihre Tätigkeit ist apolitisch. […] Ich meine, die beiden gehören in die Familie der Dämonen. Sie sind geboren aus Gottlieb Biedermann selbst: aus seiner Angst, die sich ergibt aus seiner Unwahrhaftigkeit.“

  6. naja, das sind die argumente der Konservativen… mehr dazu in Kürze wenn ich mich beruhigt und meine Gedanken, Eindrücke und Argumente sortiert habe…

    Nur soviel vorweg. Die Schanze ist verloren. Und ich bitte darum, aus dem Stadtführer die zu streichen. Ist auch nichts anderes mehr als der Jungfernstieg.

  7. Fab

    bitte hör mal auf in lagern zu denken 🙂
    ebenso sind das nicht die argumente der konservativen. wir haben in deutschland keine konservativen. die cdu ist es jedenfalls nicht. konservatismus gibt es übrigens auch in linken strömungen. sich zu beschweren wenn man immer über die „linken“ beschwert aber im gegenzug von den „konservativen“ redet macht keinen sinn. lies mal nen buch über Edmund Burke oder über die geschichte des konservatismus 🙂

  8. Fab

    ach ja, und biedermann und die brandstifter lesen. mal wieder aktueller denn je..

  9. jetzt bist du derjenige, der in „Lagern“ denkt.

    ich habe „konservativ“ nicht als Lager gemeint sondern im Wortsinn.

    Mehr dazu in meinem Blogpost, ich schreib ja schon dran, ich möchte mir nur auch Gedanken dazu machen und es differenziert betrachten. Das magst du doch so 🙂

  10. laut wiktionary konservativ: „Einstellung, Haltung: von etwas Bestehendem ausgehend, etwas Bestehendes bejahend, etwas bewahrend, an dem Hergebrachten festhaltend, an dem Althergebrachten festhaltend, zum Konservatismus neigend“

    • Fab

      ok, wenn wir auf wiki nivea diskutieren:

      „Der Konservatismus verlangt, die gegebene Position zu wahren, sofern das Neue nicht überwiegend als besser erkannt worden ist. Viele konservative Denker halten den folgenden Satz für treffend: „Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“ (Dieser Satz wird sowohl Antoine de Rivarol als auch Albrecht Erich Günther zugeschrieben.)“

      das klingt ja mal so nicht schlecht. somit kann man konservatismus gut oder schlecht darstellen. ebenso gibt es bei konservativen verschiedene strömungen. zu sagen konservative sind rückwärts gewandte die immer als althergebrachten festhalten wollen stimmt jedenfalls nicht.

    • Fab

      ausserdem: dann sind die „linken“ in der schanze auch konservativ. sie wollen die schanze so behalten wie sie war. ich würde mir hier mittlerweile doch etwas weniger polemik und politisches halbwissen wünschen. einer sachliche diskussion scheint not zu zun um die (zu recht) erhitzen gemüter abzukühlen.

  11. und unterstell mir nicht politisches Halbwissen… ich glaub es geht los….

  12. Pingback: Schanzenfest reflektieren: ein Versuch « Totaler Scheiß

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