Schanzenfest reflektieren: ein Versuch

Dieser Artikel wird ein Versuch. Ich habe noch keine Ahnung, ob ich wieder so emotional werde wie beim letzten Mal oder ob der selbstverordnete Abstand der Differenzierung hilft.

Struktur wird glaube ich schwierig, weil ich auch nicht einmal weiß, wie ich anfangen soll.

Also los…

Zuerst, zur Einordnung meiner Person, so dass ich nicht in irgendwelche Ecken gedrängelt werde:

Mir war bewußt, was passieren wird. Dennoch habe ich das Sommerfest meiner Arbeitsstelle vorzeitig verlassen. Obwohl es schön war und entspannt. Warum zog es mich in Richtung Schanze?

Bin ich Gewalttourist? Wohl kaum. Ich bin erst einmal in meinem Leben gewalttätig geworden. Nach einem dreimaligen Nein in Richtung eines sehr nah kommenden Mannes auf dem Kiez ist bei mir eine Sicherung durchgebrannt und nach dem 4. Grabscher habe ich zugeschlagen. Einmal. Und es tat mir sogar leid.

Wir halten also fest: ich bin kein Gewalttourist.

Außerdem wohne ich in dem Viertel. Warum also sollte ich alles kaputt machen wollen?

Wir halten also fest: ich bin keine Randaliererin.

Ich bin fast 30.

Halten wir also fest: ich bin keine gewaltbereite Jugendliche.

Ich habe einen Job, den die meisten niemals mir zuordnen würden. Warum tu ich das? Um meine monatlichen Kosten zu decken. Ganz unideologisch. Ich bin auch froh, dass ein bestimmter Teil des Systems mich umgibt. Und mir Rechte zusichert, es mir möglich macht zum Arzt zu gehen ohne vorher Unsummen sparen zu müssen. Ich bau auch meine Sachen nicht selber an sondern gehe einkaufen. Und ich feiere auch gern mit Freunden auf dem Hamburger Berg. Ich bin froh, dass Polizei da ist, wenn ich ausgeraubt werde oder mir sonst irgendwie Unrecht angetan wird (wobei auch das ja wieder diskussionswürdig ist – hach…)

Halten wir also fest: ich bin kein Chaot. (wenn das die Definition der Medien ist – keine Ahnung)

Meine politische Meinung ist so differenziert, dass nicht mal ich sie eindeutig zuordnen kann. Es gibt schwarze Ansätze, sehr linke, sehr grüne, sehr rote, sehr orangene, nur (soweit mir bekannt) keine braunen.

Halten wir also fest: ich bin nicht linksautonom.

WARUM ZUM TEUFEL BEWEGE ICH MICH ALSO RICHTUNG SCHANZE AN EINEM SOLCHEN ABEND?

Wenn man eins von mir sagen kann, dann, dass ich eine naive Vorstellung von Freiheit habe. Und auch eine Verständnis dafür, was gerade in diesem Land schleichend passiert. Und ich habe eine ebenso naive Vorstellung, wie wir diese Situation wieder ändern.

Dazu gehört, Flagge zu zeigen, wie man so schön sagt. Und dazu gehört, sich nicht beirren zu lassen sondern für die Vorstellungen einzustehen.

Jetzt fragen viele zu recht: um was geht es denn überhaupt noch in der Schanze?

Das Fest stand unter dem Motto (frei wiedergegeben, finde es grad nicht so recht) „Wir halten uns auf, wo wir wollen – gegen Verbote und Kontrollen!“

Gegen 19:30 Uhr stand eine endlose Schlange „Einsatzwagen“, zumeist aus Ostholstein, ein gutes Stück die Stresmannstraße entlang. Ich fuhr dort vorbei um nach Hause zu kommen. Und schon regte sich ein leichtes Wutgefühl. Weil ich mich überwacht und bedrängt fühle? Keine Ahnung. In meiner Wohnung war es dann auch wieder verschwunden. Ich zog mich kurz um und machte mich dann mit meinem Freund auf dem Weg zu ihm, damit er selbiges tun konnte. (Achso, bevor jetzt hier ein Angriffspunkt entsteht. Ich habe mir in erster Linie andere Schuhe angezogen, da ich ungern mit Flipflops duch das erwartete Scherbenmeer gehen wollte.)

Der Weg von mir zu ihm führt über das Schulterblatt (von der Wohlwillstraße zur Eichenstraße). Dort war eine tolle Stimmung (im Kern). Aber es lag Ärger in der Luft. Und zwar in der Luft vor dem Platz an der Roten Flora. Auf der Hälfte der Strecke zwischen Pferdemarkt und Rote Flora tummelten sich schon mindestens 50 Polizisten in Formation und beobachteten jeden, der näher kam. Als friedliches Straßenfest würde ich das an dieser Stelle schon mal nicht bezeichnen. Wir überquerten den Platz vor der Flora und hielten kurz inne um der abgefahrenen Mädchenband zuzuhören, die eniges auf dem Kasten hatte. Dann ging es weiter durch die Menge ganz normaler Leute (nur um dem Chaotenargument hier mal Paroli zu bieten). Unter der S-Bahnbrücke tummelten sich dann schon die nächsten Grün- und Schwarzröcke. Mir persönlich schnürte es da schon die Luft ab.

Also beruhigen, auf in die Eichenstraße, ebenfalls andere Schuhe an die Füße und noch ein Bierchen in der Eckkneipe getrunken. Zurück ging es dann über die Schanzenstraße, weil wir einen Arbeitskollegen in der Susannenstraße in seiner Wohnung abholen wollten. Dieser hatte schon das ein oder andere Foto geschossen, vielleicht können wir die hier nachher auch mal bloggen.

Vor dem McDonalds standen ca. 15 vermummte Polizisten und es schien ruhig. Ich muss dazu sagen: wie LeBambi es auch schon hier erwähnte: ich halte nichts von diesem Laden und ich finde auch, er hat in der Schanze nichts verloren. Aber ihn einzutreten halte ich auch für den falschen Weg (da hätte früher was passieren müssen). Deshalb verstehe ich, dass die 15 Mokel dort stationiert waren, um einfach den Laden zu sichern.

In der Susannenstraße angekommen waren die Polizisten plötzlich überall, ohne dass etwas passiert war (kein Klirren kein Schreien, alles im „grünen Bereich“).

Ich hatte das Gefühl, das bewußt die Eskalation von den Einsatztruppen provoziert wurde. Denn als die Polizisten immer näher rückten und die Leute zusammenpferchten und durch die Menge rannten wurde auch der letzte Galaotrinker langsam wütend.

Und ich habe keinen Chaoten/linksautonomen/gewaltbereiten Jugendlichen gesehen, der Flaschen warf. Das waren ganz normale Leute, Männer und Frauen, die schlicht eingepfercht und in die Ecke gedrängt wurden.

Nun gibt es weiter das Problem, dass es den ominösen so genannten „schwarzen Block“ gibt. Diesen geht es in erster Linie um das gleiche Machtspiel wie denen, die die Polizisten losschicken.

Und den anderen? Worum geht es denen? Ich kann dieses ganze bornierte Rechts-Links-hintenrum-Gequatsche einfach nicht mehr hören. Von allem von Leuten, die nicht vor Ort waren und meinen ganz genau zu wissen worum es geht und wer wieviel Schuld woran hat.

Hier vermischen sich die Themen. Es gibt Menschen, die sich überyuppisiert fühlen. Was ich aus eigener Erfahrung auch bestätigen kann. Mich nervt es nur nicht so sehr wie die meisten anderen. Dann gibt es die, die sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen. Aber meine Freiheit ist nicht die des anderen, da hat jeder ein ganz persönliches Empfinden.

Wie gesagt, vielleicht bin ich naiv.

Aber ich halte Information und intelligente gewaltfreie Aktionen für den Schlüssel. Warum nicht nächstes Mal einfach mal nicht vermummen und keine Glasflaschen haben und leichtbekleidet feiern? Dann gibt es keinen Anhaltspunkt, dann können sie nicht aufrücken. Und die, die nur auf Krawall aus sind, die müssen wir dann eben daran hindern etwas zu werfen, indem wir sie zum Tanzen auffordern oder ne Bratwurst in die Hand drücken oder wie auch immer.

Kern ist doch, dass unser so genannter Rechtsstaat angreifbar ist. Und er ist angreifbar, weil er Verordnungen und Gesetze schafft, die die Freiheit von vielen zur Sicherheit einiger einschränken. Dies passiert aller Orten und ist nach der Zensursula noch lange nicht vorbei.

Dumm nur, dass die gewaltbereiten Demonstranten Menschen wie Schäuble nur in die Hände spielen und Schanzenbewohner dazu bringen, zwischen ihren Balkonblumen Überwachungskameras zuzulassen.

Das geht gerade alles in die völlig falsche Richtung. So ändert sich nichts, so verhärten sich nur die Fronten. Ich möchte nur aus eigener Erfahrung sagen: Gewaltfreiheit ist nicht leicht, wenn selbst ich so aggressiv wurde, dass ich eine Flasche geworfen hätte.

Nur habe ich eben soweit darüber nachdenken können, dass ich das und die ganze Situation dort als sinnlos empfunden habe. Andere sind da vielleicht weniger kontrolliert.

Oh und nur noch als P.S., die Medien spielen hier wieder nur eine Rolle des Sprachrohrs der Politik. Keine Form von differenzierter Berichterstattung. Man ist gezwungen, sich beides anzuschauen: die Medien und die Blogs der „Randalierer“ und für sich eine Mitte daraus zu finden. Das nervt. Aber das nur am Rand.

kreativgeschwister

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines, Gesellschaft, Politik

6 Antworten zu “Schanzenfest reflektieren: ein Versuch

  1. Hey geschwister,

    wie wir vorhin schon beschnackt haben: Gewalt erzeugt Gegengewalt und so weiter.

    Also lieber Hamburger Senat, hier der Deal für nächstest Jahr:

    Ihr lasst die Polizie komplett weg und die Besucher des Schanzenfestes kommen in Unterhose (und vll. T-Shirt).

    Ich bin mir sicher, dass sich die Schanzen-Bewohner sich selbstständig um eventuelle Randalierer kümmern würden.

  2. Ja, oder die Polizei kommt auch, aber auch in Unterwäsche und unbewaffnet und feiert mit. Die HH Polizei hat ja kaum häßliche Angestellte ist mir mal aufgefallen. Wobei sie vielleicht auch nur die Uniform sexy macht… 😉

  3. Pingback: Nachträge, Schanzenfestspiele « HansCustom

  4. Hier übrigens eine sportliche Betrachtung des Schanzenfestes http://hanscustom.wordpress.com/2009/07/05/spielbericht-schanzenfestspiele/

    sehr lesenswert!

  5. Pingback: Die harten Folgen von Killerspielen ODER Surviving the game « Totaler Scheiß

  6. Pingback: Totaler Scheiß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s