Ein Pirat erklärt sich und seinen Mitstreiter – ein Werben um Verständnis

Wir sind hier ja alle Werber. Und heute erreichte mich eine Werbung. Am letzten Wochenende hatte ich 4 sympathische Herren bei mir zu Besuch, die Obdach für die Zeit des Piratenparteitages in HH suchten.

Es gab viele interessante Diskussionen, warum ich „nur“ Unterstützerin und nicht Mitglied sei. Unter anderem stieß mir die BT-Affaire (Bodo Thiesen, bitte googlen, ich weiß nicht, welchen Quellen ich hier noch trauen soll) übel auf.

Einer der sympathischen Herren bat sich etwas Bedenk- und Recherchezeit aus, bevor er drauf antwortet. Heute nun erreichte mich seine Mail.

Ich bin froh, dass er so differenziert, analytisch und besonnen herangeht und mir gefällt, was er schreibt.

Das heißt nicht, dass es mich überzeugt. Warum nicht, darauf werde ich spätestens bis morgen Mittag eine Antwort gepostet haben, denn auch ich brauche nun meine Zeit.

Ich habe mir seine Erlaubnis eingeholt, seine Mail anonymisiert posten zu dürfen, was ich hiermit tu. Dieses Zeichen […] dient mitnichten der Zensur oder Verkürzung sondern ich respektiere damit nur, dass wir abgesprochen haben, es anonymisiert zu veröffentlichen.

Und bevor das Bashing losgeht: ich mag ihn menschlich sehr gern und ich finde, er argumentiert analytisch. Wie es eben üblich ist. In der IT haben Emotionen auch nichts zu suchen. Und vielleicht ist so eine Sichtweise mal ganz gesund. Mehr dazu spätestens morgen Mittag.

wir hatten ja kurz über Bodo Thiesen geredet, und ich sagte, ich wolle mich da erst einlesen, bevor ich wirklich was dazu sagen könne.

Das habe ich zwangsweise nun getan, und bevor ich zu meinen Erkenntnissen komme möchte ich erstmal meinen Hintergrund erläutern, damit Du mich und meine Haltung nicht misverstehst:

Ich bin kein rassistischer Mensch, allerdings bedeutet das für mich, daß ich Leuten keine Nachteile einräume, weil sie eventuell einer Minderheit angehören, aber ich räume ihnen deswegen auch keine Vorteile ein. Bevorteilung einer Minderheit ist für nämlich ebenso Rassismus wie Benachteiligung.

Wie ich auch schon kurz erzählt habe bin ich auf eine politisch sehr engagierte Schule gegangen, und hatte einen politisch noch engagierteren Lehrer. […Anm.: Name der Schule ist der Name einiger Widerstandskämpfer im Dritten Reich] die Schulleitung, und speziell unser Klassen-, Deutsch- und Politiklehrer hatte sich diesen Namen zur Verpflichtung gemacht, und die Thema WWII, 3. Reich und Faschismus zogen sich wie ein roter Faden durch den Lehrplan. Wir haben uns die Nürnberger Prozesse angehört, haben „Die Welle“ nicht nur als Theaterstück aufgeführt, nein, unser Lehrer hat mit uns ein (auf eine Doppelstunde beschränktes) Experiment gemacht, und „Die Welle“ tatsächlich gelebt, um uns einen Eindruck vom Faschismus zu geben.

Das Ganze wurde wirklich strikt gehandhabt, und als ein Schüler mehrfach (unbeabsichtigt) gegen die Regeln verstossen hatte, er sollte beim Sprechen aufstehen und sich hinter den Stuhl stellen, eskalierte das Ganze so weit, daß der Lehrer einem Schüler befahl den „Sündigen“ zum Rektor zu bringen. Der Schüler sagte „Nein“, und die Situation eskalierte weiter. Es blieb beim „Nein“, und das Experiment wurde mit den Worten „Genau DAS wollte ich erreichen“ und einem breiten Lächeln vom Lehrer abgebrochen. […]

Wie ich auch schon erwähnte haben wir damals ebenso gelernt wie man mit Quellen umgehen muss, sie seziert, und gelernt uns immer dieselbe Fragen zu stellen beim Lesen eines Textes: „Wem nutzt es?“ bzw. „Was ist die Intention, warum schreibt der Mensch dieses, und warum so“. Wir haben das sowohl an der Bild durchgeführt, als auch an Teilen von „Mein Kampf“, um die verquere Logik darin zu entlarven.

Das hier soll keine Art Selbstbeweihräucherung werden, es ist einfach nur wichtig um meine Position nachvollziehen zu könnnen. Ich denke es liegt an diesem Background daß ich bei Diskussionen um Nationalsozialismus und Antisemitismus nicht zusammenzucke, sondern sowas sehr sachlich ohne übermäßige Emotionalisierung bereden kann.

Ich verabscheue Gewalt. Ich verachte Rassismus zu tiefst, und noch mehr verabscheue ich durch Rassismus motivierte Gewalttaten. Von den Verbrechen an der Menschheit der Nationalsozialisten garnicht erst zu reden. Es gibt nichts das sowas rechtfertigt, und man muss die Augen offen halten, um Ansätzen dieser Art entgegenzutreten.

Und das ist der Punkt um konkret auf Bodo Thiessen zu kommen. Ja, ich habe ein paar zweifelhafte Aussagen von Bodo Thiessen gelesen, z.B. die daß Hitler keinen Krieg gewollt habe. Und ja, er nennt zweifelhafte Quellen. Andererseits habe ich auch klare Aussagen von ihm gelesen, daß er die Demokratie für ein hohes Gut hält, er die Verfolgung verschiedenster Menschengruppen durch die Nazis explizit als Verbrechen tituliert (http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Bodo_Thiesen/Stellungnahme_pers%C3%B6nliche_Meinung_vs._Parteimeinung), und sich auch anderweitig zur Demokratie bekennt (http://wiki.piratenpartei.de/Stellungnahme_zu_Geschichte_und_Verantwortung).

Ich muss Bodo an vielen Stellen rechtgeben. Das mag nun schockierend für Dich klingen, aber eventuell lese ich die Sachen auch einfach anders als die meisten Menschen. Wenn ich mir Bodos Argumentationen ansehen, dann lese ich daraus, daß er sich a) lange mit dem Thema beschäftigt hat, insbesondere mit historischen Details und es ihm b) darum geht Diskussionen ohne Tabus führen zu dürfen und er c) ein Paragraphenreiter ist, der auf 100%tige Korrektheit beharrt.

Und an dieser Stelle muss ich ihm Recht geben. Ja, auch ich finde es furchtbar, daß man über manche Dinge nicht reden darf. Bodo kämpft für mich an vielen Stellen gegen eine Emotionalisierung von Sachthemen, und rennt damit logischerweise gegen genau diese Emotionalisierung und den Bissreflex vieler Menschen.

Ich verstehe die Emotionalisierung in der breiten Masse, gerade was den Holocaust angeht, finde aber die Doktrin, daß man sich nicht kritisch mit diesem Teil der deutschen Geschichte befassen darf, störend. Man darf dort nur so kritisch sein, wie es die Vorgabe von oben vorsieht, und das ist für mich kein Zeichen einer aufgeklärten Gesellschaft.

Bodo macht auch für mich nicht den Anschein eines Antisemiten. Vielmehr wehrt er sich gegen eine Bevorzugung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn man etwas gegen einen Juden sagt ist man direkt ein Antisemit, und ist diese Keule erstmal aus dem Sack geht eine Hetzjagd los, die an die Hexenverbrennung im Mittelalter erinnert. Gerade auch sehr schön bei der PP zu beobachten. […]

Er schreibt mehrfach, daß er findet, daß diese Art der Behandlung von Juden und anderen ethnischen und religiösen Gruppen einer sinnvollen und zielführenden Unterhaltung im Wege steht, und ebenso einer Integration. Auch das bemängel ich immer wieder.

Ich hatte das schon oft, am z.B. konkreten Beispiel Uri Geller. Wenn man sich negativ zu ihm äussert, unter Leuten die einen nicht kennen, oder online, dauert es nicht lange, und man hat eine Antisemitismus- und Anti-Israel-Debatte am Bein. Und dann ist man plötzlich ein Rassist, Faschist, Nazi, nur weil man den Typen für eine echte Lachnummer hält. Ich wusste bis zu meiner Ersten Diskussion darüber nichtmal, daß er Israeli ist, es hat mich auch nicht wirklich interessiert.

Bodo kritisiert genau sowas, und er sagt, daß uns dieses lähmt, auch bei der Weiterentwicklung, und auch dabei wirkliche Ansätze zu erkennen, die gefährlich in die rechte Richtung schlagen. Und auch das würde ich unterstreichen. Es gibt die alte Parabel von dem Schäferjungen der öfter mitten in der Nacht um Hilfe ruft, Wölfe würden seine Herde angreifen. Als es dann wirklich passiert glaubt ihm keiner mehr. So ähnlich ist das auch, weil man den Begriff entwertet, und sich zusätzlich blind macht, da man vor lauter Nazis die Braunen nichtmehr sieht.

Bodo Thiessen wird auch vorgeworfen, er habe sich gegen eine Anti-NPD-Demo gestellt, und nachdem ich seine Gründe gelesen habe kann ich das gut verstehen. Es ginge ihm nicht darum Kritik an der NPD zu unterdrücken, sondern er wolle nur nicht dass jemand dort die PP-Flagge schwenkt, da er die ganze Aktion unter demokratischen Gesichtspunkten für fragwürdig hielte. Und gerade da, finde ich, zeigt sich daß er Demokrat ist. Gegen eine Partei zu protestieren, gerade als andere Partei, zeugt meiner Meinung nach von einem komischen Verständnis der Demokratie.

Eine Partei ist eine demokratische Einheit, und ich finde, man kann gegen Inhalte der Partei demonstrieren, aber nicht gegen die Einheit ansich. Denn damit demonstriert man eigentlich gegen das demokratische System. Insbesondere sollte man das nicht als Partei machen, denn damit spricht man sich ja auch die eigene Existenzgrundlage ab. Das war übrigens auch Bodos Ansicht zu dem Thema. Es ging ihm da rein um diese Formalie. Es ist unglücklich, daß gerade die NPD im Zentrum stand, aber gegen welche anderen Parteien wurde denn so die letzten Jahre noch protestiert?

Abschliessend möchte ich da auch noch auf die schon genannten zweifelhaften Quellen zur sprechen kommen. Ja, die Bücher die Bodo als Quellen benennt sind oftmals stark rechts einzuordnen, die Autoren ebenso. Das bedeutet allerdings nicht, daß der Inhalt zwangsweise falsch sein muss, ebenso wie Bücher die nicht in der rechten Ecke stehen nicht zwangsweise die Wahrheit enthalten. Wichtig ist an der Stelle wohl daß jemand mit den Quellen umgehen kann, und sich nicht von der Propaganda (egal welcher Richtung) vereinnahmen lässt. Das ist zweifelsohne eine Gratwanderung, aber sorgt für eine bessere Rundumbildung.

[…]

So, ich danke dann mal für die Aufmerksamkeit 😉

Ich brauche viel viel Zeit, um darüber nachzudenken und dann zu Antworten.

kreativgeschwister

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft, Politik

Eine Antwort zu “Ein Pirat erklärt sich und seinen Mitstreiter – ein Werben um Verständnis

  1. Pingback: Wieder Wahl – neue Qual… oder die Krux mit den Piraten « Totaler Scheiß

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