Babysteps – Teil 3: Die wilden Jahre

Ich bin heute sehr dankbar, dass ich damals Tagebuch geschrieben habe. Wie sollte ich sonst noch erinnern, wie viele erste Startversuche ich auf dem Buckel habe?

Ich führte Liste, ich beobachtete, wer den besten Stand bei den Zicken hatte. Nach monatelangen Recherchen kam ich im November 1993 schließlich zu dem Ergebnis, dass Sebastian[1] der perfekte Partner für eine erste Beziehung sei. Er war groß, hatte schon eine tiefe Stimme, war Basketballspieler, was mir Flugküsse nach Körben zusichern würde und er lächelte mich immer an. Gute Voraussetzungen. Ich konditionierte mich also abends entgegen meiner neu gewonnenen Präferenzen für den BVB, darauf, ein Mädchen zu sein und keine anderen Hobbys außer dem Verliebtsein zu haben. Ich malte unzählige Herzchen in mein Tagebuch und dachte, dass dies der Weg sei, sich zu verlieben. Ich teilte ihm das auch mit.

Er hielt diese Verbindung aus mir nicht ersichtlichen Gründen offensichtlich auch für eine gute Idee. Und so verbrachten wir lange drei Wochen damit, das zu tun, was von uns erwartet wurde: Kommunizieren, dass man jetzt ein Paar sei, sich zwei Mal treffen und dann trennen. Nicht dass wir uns dabei einmal berührt hätten, geschweige denn in die Augen geschaut. Aber es reichte aus. Zumindest war ich nun in dieser Mädchenriege aufgenommen und konnte mitkichern und gönnerhaft die Erlaubnis erteilen, nach mir in Sebastian verliebt zu sein.

Ich hatte mir nun ein neues Opfer gesucht. Außerhalb der Schule, die nicht in meinem Heimatdorf war. Mal in heimischen Gewässern fischen. Ich entschied mich für Bastian. Er hatte ein tolles Fahrrad, ließ mich immer zuerst klettern, spielte mit mir Fußball und teilte meine Leidenschaft für den BVB. Außerdem musste ich mich bei dem Namen nicht groß umstellen. Wir beschlossen bei einer heißen Schokolade, dass wir eine gute Verbindung darstellen würden. Etwa vier Stunden später überreichte mir meine 5jährige Schwester feierlich einen Zettel, den der feige Hund abgegeben hatte. Er fühlte sich eingeengt und brauchte einfach noch seine Freiheit.

Abserviert. Das tat ganze zehn Minuten weh und ich griff zum Telefonhörer und reaktivierte Freund Nummer eins. Der war auch sofort dabei und neuerliche sechs Wochen begannen. Wir steigerten uns, trafen uns sicher sechs Mal und hingen bei mir rum. Wir hielten sogar Händchen, dann räumte ich wieder das Feld für die anderen Hyänen. Ich hatte mein Auge nämlich auf seinen besten Freund geworfen.

Christian war schön. Im klassischen Sinne. Wir verbrachten den Sommer gemeinsam am See und fuhren Hand in Hand mit dem Rad vier Kilometer zu ihm, hielten Händchen und kamen uns wahnsinnig erwachsen vor. Dann brachte er mich die halbe Strecke bis zu meinem zehn Kilometer entfernten Zuhause und es passierte. Wir küssten uns. Es war erschreckend, überraschend, kurz und im Nachhinein unspektakulär . War ja auch ohne Zunge. Das hielt ich nämlich zu dem Zeitpunkt immer noch für etwas, das ich aus Hygienegründen nie im Leben tun würde. Hatte ich eine Ahnung. Ich hatte also einen weiteren Teilschritt meines Konzeptes abgearbeitet. Ich trennte mich nach fünf viel zu langen Wochen. Außerdem blieb ich sitzen, die Pubertätsschere hatte unaufhaltsam ihren Tribut gefordert. Um in der neuen Stufe gleich als cool zu gelten, begann ich das Rauchen.

Der nächste Kandidat war eine Stufe unter mir und da hatte es mich tatsächlich erwischt. Diese knallblauen Augen im tief gebräunten Gesicht verfolgten mich. Der BVB-Schal tat sein übriges. Wir waren sieben Wochen ein Paar. So steht es in meinem Tagebuch. Ich allerdings kann mich daran gar nicht erinnern. Was möglicherweise daran liegt, dass wir uns nie trafen und uns auch im Alltag geschickt aus dem Weg gingen. Ich war 14 und Sven sollte mich über ein Jahr beschäftigen. Der Fakt, dass er sich von mir getrennt hatte, passte so gar nicht in meinen Coolnessplan. Ich testete alles was die Mädchenzeitschriften hergaben. Ignorieren, anschreien, Brief schreiben, Freundschaft. Nichts fruchtete. Diese Zeit verbrachte ich mit neuen Beziehungen, die allesamt nicht nennenswert sind bis auf Daniel, den ich vier Wochen meinen Freund nannte, und der mir sogar einen schmerzerfüllten Song schrieb als ich ihn verließ. In diese Zeit fällt vermutlich auch mein erster Zungenkuss, den ich aus konzepttechnischen Gründen dann doch mit mir machen ließ. Es war feucht und der Partner eine Null. Aber ich hatte meinen Haken.

Mitten im tiefsten Liebeskummer stand der Frankreich-Austausch an und es kam, wie es kommen musste.


[1] Keine Namen geändert, ist mir zu anstrengend

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Babysteps – Teil 3: Die wilden Jahre

  1. werbespott

    „Etwa vier Stunden später überreichte mir meine 5jährige Schwester feierlich einen Zettel, den der feige Hund abgegeben hatte. Er fühlte sich eingeengt und brauchte einfach noch seine Freiheit.“ Lol!

  2. ja, das Leben ist hart 😉

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