Babysteps – Teil 4: Der Franzose an sich

Meine Französischkenntnisse benötigten dringend Auftrieb. Es ist nicht so, dass ich schlecht war. Ich war nur einfach gehobener Durchschnitt. Ich wusste, ich kann mehr, es fehlte nur an der richtigen Motivation.

Das war der Grund warum ich meine Eltern Anfang 1995 auf Knien anflehte, an diesem Austausch teilnehmen zu dürfen. Die Meinung meines Vaters zu den Franzosen war relativ einfach: “Dieses Land betrete ich nur bis an die Zähne bewaffnet.“ Nüchtern. Und sehr klar. Es wäre unfair, ihn jetzt falsch einzuschätzen. Es war vielmehr so, dass sich seine Meinung auf Unkenntnis gründete. Den Franzosen an sich hielt er für einen nicht ganz heterosexuellen arroganten Vollidioten, der glitschige Tiere isst. Oder zumindest die Schenkel davon.

Im Sommer 1995 hatte ich meine knapp bemessene Freizeit damit zugebracht, mir die Füße wundzulaufen und an jeder gottverdammten Haustür in unserem verschlafenen und unpolitischen 3000-Seelen-Nest zu klingeln. Dies hatte einen einfachen Grund: Die Versuche der Franzosen, ein sicher ebenso verschlafenes Atoll für Atombombentests zu nutzen. Im Namen von Greenpeace sammelte ich 1800 Adressen.

Dementsprechend groß war meine Freude, jetzt im September in das Land derer zu fahren, die diesen Deppen Chirac gewählt haben. Hanno malte mit mir ein T-Shirt für meine Einreise. Ein schreiend gelbes Atom-Zeichen in einer Hand zierte die Front, auf der Rückseite fand sich eine Graffitti-Schrift die in ebenfalls kreischenden Farben „Fuck Chirac“ konstatierte.

So gewappnet machte ich mich auf den Weg nach Frankreich. Ich kam mir wahnsinnig  konträr vor. Fast wie ein Punk. Angekommen in Nort sur Erdre, einem noch verschlafenerem Nest im Nordwesten Frankreichs, traf ich auf den Feind hautnah. Er biederte sich mir mit überschwänglicher Freude an und fuhr mich zu sich nach Hause in das wohl kleinste Dorf der Geschichte.

Familie Perrier tischte zum Abendbrot auf. Mittlerweile etwas beschämt ob meiner Konfrontationstaktik angesichts offensichtlicher Freude mich kennen zu lernen, hatte ich mir eine Jacke übergezogen. Als Mademoiselle Perrier das Baguettebrot und Käse auf den Tisch stellte griff ich beherzt zu. Ich schnitt mir eine Scheibe Käse ab und legte es auf eine ebenfalls sorgsam abgeschnittene Baguettescheibe. Was soll ich sagen? Ich wurde von einem 3jährigen Franzosen ausgelacht. Offensichtlich wurde das hier anders gehandhabt, nämlich barbarisch, mit einfachem Abbeißen. Mein erster Fehler. Der zweite bestand darin, zu glauben, das sei alles gewesen, und mich daran satt zu essen. Es folgten noch Quiche, Pizza, Crêpes und Muscheln. Und viel viel Cidre, welcher auch direkt mein dritter Fehler war. Du meine Güte hatte ich einen roten Kopf. Mir wurde warm und ich befreite mich von meiner Jacke. Gleichzeitig wurde die Rugby-Begegnung von den Nachrichten unterbrochen. Wunderbar. Ich war voll gestopft, betrunken und begann nun mit Monsieur Perrier eine 3 Stunden andauernde Diskussion über die Sinnhaftigkeit dieser Tests des guten Chirac und von wem zum Teufel sich die Franzosen eigentlich bedroht fühlen? Auf die Elsass-Lothringen-Diskussion möchte ich hier auch nicht näher eingehen. Wirklich übel genommen hat es mir keiner aus der Familie, vermutlich weil sie mich nicht verstanden haben.

Der erste Schultag begann mit einem Frühstück bei den Perriers. Barbarisch auch hier. Eine große Schüssel mit Kakao und die pappigen Croissants werden bösartig in dem See ertränkt und dann einfach runtergeschluckt. Zu kauen gibt’s da ja auch nichts. Ab in den Bus und die erste Begegnung mit dem Charme der Franzosen erreicht. Pierre-Yves sagte direkt er sei in mich verliebt und ob wir miteinander gehen wollen. Statistisch gesehen war ich damit sicher die erste mit einem französischen Freund, also willigte ich ein. Das schob auch den Gedanken an Sven und seine vermaledeiten blauen Augen, umrahmt von einem wunderschönen gelben Schal, ganz weit nach hinten.

Wir deutschen Austauscher tauschten uns aus, wer was wie gegessen hat und warum. Ich trumpfte mit meiner Neuigkeit auf, musste aber eingestehen, den Namen vergessen zu haben. Dieses winzige Problem löste, sich als besagter Jungspund lauthals verkündete „Pierre-Yves aime Christina“. Ich meine, im Ernst, ist das so schwer? Nicht Christin, Christiane oder Christina. CHRISTINE, herrgottnochmal! Ich befand dies als Trennungsgrund für ausreichend. Allerdings kommunizierte ich es nie. Genau genommen bin ich also seit 12 Jahren mit einem mir nicht näher bekannten Franzosen zusammen. Egal.

Ich traf im Flur auf Emilie, die, wäre ich nicht sitzen geblieben, meine eigentliche Austauschschülerin gewesen wäre. Ihr Bruder Youenn, den sie mir vorstellte, verfügte über die gleichen stahlblauen Augen wie meine Katastrophe zu Hause. Diesmal erwischte es mich richtig. Das äußerte sich bei mir in totalem Schweigen.

Wir waren von nun an immer zusammen, in den Unterrichtsstunden, bei den Ausflügen, beim Essen, einfach immer. Ich schwieg weiter beherzt. Auch als wir am Strand von Carnac (ja, und dieser Name hat meinen Vater sehr amüsiert) entlang liefen und er mir eine Variation von Muscheln antrug schaffte ich es nicht, ein Danke über meine versteinerten Lippen zu bringen. Selbst als wir uns dann in einem kleinen Ort von der Gruppe absetzten und eine Burgruine erklommen, uns nebeneinander auf den Rasen legten, schwieg ich stur. Obwohl, nein es war keine Sturheit, ich war schlicht hilflos.

Dann lud mich seine Mutter zum Essen ein. Ich war wie gelähmt. Was sollte ich da nur reden? Nicht auszudenken? Aber es kam ganz anders. Der Abend war toll. In Anwesenheit seiner deutschen Mutter blühte mein Sprachvermögen auf.

Über verschiedene Zettelchen und dank des beherzten Einmischens von Antje fanden wir dann zueinander. Am Tag vor der Abreise versteht sich. Dramatik und Frankreich und ich gehören zusammen.

Als wir dann so vor dem Bus standen, tat es an vielen Seiten des Herzens weh. Genau genommen hatte ich weder die Bilder meines Vaters noch meine Greenpeace-Einstellung bestätigt gefunden. Ich war mehr als herzlich aufgenommen worden, sprach, dachte und träumte auf Französisch und hatte die Gegend der Bretagne lieben gelernt. Keine Spur von Arroganz oder Gastfeindschaft, ganz im Gegenteil Der 7jährige Bruder meiner Correspondante überreichte mir feierlich und tränenschwer seinen Lieblingsteddy, den ich nach wie vor habe und in Ehren halte. Mademoiselle Perrier bedankte sich für die Zeit und dass ich ihre Tochter mitgenommen habe zu Verabredungen und ähnlichem. Die französische Christine nämlich war ein sehr schüchternes Mädchen, das bis dato zu niemandem in der Schule Kontakt gehabt hatte. Anthony, der älteste Bruder nutzte derweil schon die ersten Tipps, die ich Genie ihm gegeben hatte. Cyril, der Zwerg schluchzte nur vor sich hin. Monsieur Perrier war stolz darauf, mich zu einem wahren Rugby-Fan gemacht zu haben, ich ließ ihn in dem Glauben. Christine freute sich schon darauf, mich 5 Monate später in Deutschland zu besuchen Das schien nicht so weit weg. Bis ich Youenn als letztem in die Augen sah. Da waren diese paar Monate auf einmal eine Ewigkeit. Wir knutschten eine halbe Stunde bis man uns gewaltsam voneinander trennte.

Dieses Schicksal teilte Thomas, ein Klassenkamerad, der der Französin an sich nicht widerstehen konnte. Die gesamten 20 Stunden Rückfahrt weinten wir uns die Augen aus. Wenn ich mich recht erinnere war der Soundtrack dazu „Don’t cry“ von den Guns ‚n’ Roses. Wir verheulten sogar die Nachtfahrt durch das illuminierte Paris. Schönheit fand sich für uns nur in den Augen derer, die wir zurückließen.

Ich weinte noch immer , als meine Eltern mich am Bus abholten und weitere drei Tage darüber hinaus. Es folgten teure Telefonate und romantische Briefe, seitenlang und tränengetränkt.

Ich war untröstlich und auf ewig verliebt, bis im November 1995 das Schulfest in der hiesigen Diskothek anstand…

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Babysteps – Teil 4: Der Franzose an sich

  1. Tellymaus

    Ich habe diesen Artikel zufällig beim Herumstöbern gefunden. Was für ein Zufall, irgendwie kam mir das alles ziemlich bekannt vor. Auch ich war (5 Jahre später – im Jahr 2000) in Frankreich und kenne Familie Perrier. Kann man irgendwo erfahren, wer diesen tollen Artikel geschrieben hat? Vielleicht hat diejenige ja sogar noch Kontakt zu den Perriers?
    Ich bin auf jeden Fall total baff über diese Entdeckung! Merci beaucoup für diesen Post!

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