Und wir wundern uns?

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Volker Pispers sagte in einem seiner unzähligen Auftritte sinngemäß? „Wir wundern uns, dass sie uns Bomben unter den Arsch legen? Wir sollten uns wundern, dass sie uns so wenig Bomben unter den Arsch legen!“

Lasst mich das als Einleitung nehmen. Es gibt viele Themen, de sich derzeit vermischen, und doch haben alle in meinen Augen etwas gemein.

Zwei Dinge sind mir heute früh passiert, die mich dazu gebracht haben, diesen Artikel zu schreiben, und ich habe noch keine Ahnung, wo die Reise hingeht.

Die erste Berührung erfuhr ich beim Überfliegen meiner Tweets und dem Hinweis durch @teilweise, dass es im Juni einen sehr ausführlichen Leserbrief zum Thema „Killerspiele“ an das Daddeldepot gegeben hat.

Hier schreibt ein etwa 30jähriger Mann davon, dass er beinahe Amok gelaufen wäre. Der Waffenschrank war abgeschlossen, wie gut. Nur ist dieser Leserbrief keine Selbstbeweihräucherung sondern eine sehr mutige und tiefgreifende Schilderung, wie es überhaupt dazu kam. Und – oh Wunder – Killerspiele waren nicht der Grund. Grund waren die Mitschüler, die ihn, weil er „anders“ war, auf das Übelste beschimpft und gedemütigt haben – physisch und psychisch. Irgendwann war das Maß voll. Er sah keinen Ausweg, er mußte sich mit der Situation arrangieren, weil sich nichts änderte. Alle versuche etwas zu unternehmen schlugen fehl und führten nur zu noch mehr Demütigung.

Was geht also in einem Menschen vor, der sich in einer Situation befindet aus der ihm kein Ausweg ersichtlich ist? Entweder er versucht, sich das Leben zu nehmen (wenn er dem nicht standhalten kann und will) oder er startet einen Rache- und Befreiungsakt. In extremen Fällen kombiniert es sich zu: Sie sollen sterben und ich geh dann eben auch mit drauf.

Und ja, er hat Videospiele gespielt. Und ich glaube es ist auch klar, warum. Wenn man allein ist, dann flüchtet man sich schnell in Welten. Das soll nicht heißen, dass alle Videogamer einsam sind, das ist Blödsinn, zumal man ja auch mittlerweile viele Leute über gemeinsames Online-Spielen kennenlernt. Aber es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass gerade Jugendliche, die kaum ein oder kein soziales Umfeld haben, sich häufiger mit Videospielen beschäftigen. Und ich verstehe es. Weil es entspannt. Es macht nicht aggressiv. Im Gegenteil, es baut Aggressionen ab.

Viel wichtiger ist doch, dass das alles nicht passiert wäre, wenn der Umgang der Menschen untereinander nicht so furchtbar wäre.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das bedeutet auch, dass es Avatare gibt für erfolgreiche Menschen. Und das bekommen Kinder schon sehr früh eingebläut. Da sind die Eltern nicht mehr zusammen und die anderer Kinder schon. Da ist ein Kind den ganzen Tag im Kindergarten und die anderen Kinder werden um 12 abgeholt. Das eine Kind hat die neuesten Markenklamotten, das andere Kind trägt vielleicht 3 Tage die selbe Noname-Hose, die dann möglicherweise auch noch dreckig ist. Kleinigkeiten sind es, die auf Neid und auf Missgunst und auf dem Bedürfnis, etwas besseres zu sein, beruhen.

Und es ist ja nicht so, dass es mit dem Jugendalter aufhört, wie bei dem Verfasser des Schreibens geschehen.

Es macht nicht jeder Abitur und es studiert auch nicht jeder. Abgesehen davon, dass es mittlerweile auch nicht mehr so „mal eben“ finanzierbar ist, wird es auch nicht vorgelebt. Viele Kinder wollen ihrem Elternhaus entfliehen. Dann machen sie eine Ausbildung (wenn sie denn eine bekommen nach x Bewerbungen) und sehen zu, dass sie auf eigenen Füßen stehen.

Gestern habe ich einen Beitrag über eine Hauptschullehrerin gesehen (27), die ihrem 14jährigen Schüler unmissverständlich klar machte, dass er mit einem Hauptschulabschluss nicht Bürokaufmann sein kann. Er solle realistische Ziele stecken und schauen, welche Jobs ihm als Hauptschüler offen stehen. Sowas nennt man dann wohl Motivation. Willkommen in der Leistungsgesellschaft.

Ich habe das mal schnell gegooglet und auf der Seite Hauptschulabschluss eine Liste gefunden. Auf dieser Liste stehen handwerkliche Berufe, pflegerische Berufe und viele mehr. Übrigens unter anderem auch Bürokaufmann! Wer macht also die unsichtbaren Zutrittsbegrenzungen für diese Berufe? Das macht die Wirtschaft selbst. Und zwar aus der Anzahl der Bewerber und deren Qualifikationen. Es geht also wieder um Konkurrenz. Und um Vorurteile.

Als ich dann zur Arbeit lief schnitt mich ein Porsche und fuhr mich fast um. Und ich konnte nichts gegen den Gedankenblitz tun: „Warte bis deine Karre auch noch brennt!“ Das war Wut und Missgunst und Neid. Und ja, ich gebe offen zu: mir fehlt das Mitleid. Schon mit einer Teilkaskoversicherung entsteht den Haltern kein finanzieller Schaden. Versteht mich nicht falsch. Ich bin grundsätzlich gegen Gewalt, weil ich glaube, dass sie jede Diskussion beendet. Ich finde aber die Beobachtung interessant. Jahrzehntelang hat sich das deutsche Volk den großen „Volksparteien“ ergeben. Man ärgerte sich, aber man lernte über die Jahre „lässt sich nicht ändern – ich habe keinen Einfluss“. Das sieht man wunderbar an der Wahlbeteiligung und der Resignation der Menschen, wenn es um politische Themen geht. Der Gedanke, dass man etwas verändern könnte – nein sogar müsste – starb immer mehr aus.

Hartz4, Zuzahlungen bei Krankenkassen, Verabschiedung vom Datenschutzgesetz, Beteiligung an Kriegen, steigende Preise, sinkende Löhne, Vernachlässigung der Integration, Jobängste, Wirtschaftskrise, gut bezahlte Bankerjobs in systemrelevanten Konzernen und eine kostenpflichtige Ausbildung samt mieser Anschlussbezahlung für gesellschaftlich relevante Berufe und und und. Das alles brodelt.

Somit gibt es nun auch einige, die sich in diesem maroden und nicht mehr funktionierenden System ohnmächtig fühlen. Und wie wir gelernt haben, wenn man einer Situation, die einem unangenehm ist, ohnmächtig gegenüber steht, dann befreit man sich daraus. Jeder auf seine Art. Manche zünden Autos an, um Zeichen zu setzen. Manche entführen ihre Manager, um Gerechtigkeit zu erpressen. Manche wählen extrem Ende September. Die Linken bekommen Aufwind. Nicht, dass ich das zwingend gut fände – aber ich verstehe es und habe keine Alternative außer ungültig zu wählen und weiter ohnmächtig da zu stehen. Und by the way ist es mir lieber, die Protestwahl geht gen links als gen rechts. Weil es in meinen Augen folgendes bedeutet: Die Menschen wollen die „großen Volksparteien“ nicht mehr. Sie wollen, dass gesellschaftliche Relevanz wieder mehr Bedeutung hat als „Systemrelevanz“. Und dafür könnten sie bei naivem Hinsehen auch die NPD wählen. Sie wollen aber eine integrierte, rassismusfreie Gesellschaft. Ich denke nicht, dass die Wähler glauben, dass ausgerechnet Lafontaine aus seiner Villa heraus wirklich glaubwürdige Konzepte liefert. Aber es geht darum Zeichen zu setzen. Und da ist die Linkspartei eine bessere Wahl als die NPD.

Der Leserbriefschreiber sagt, sein Leben habe erst mit dem Umzug nach Hamburg begonnen. Er habe nun neue Freunde und liebt sein Leben. Was heißt das nun für unsere Gesellschaft?

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines

7 Antworten zu “Und wir wundern uns?

  1. fab

    hmm, sorry die linkspartei ist keine alternative. den beelzebub mit dem teufelaustreiben geht nicht. wenn die linkspartei an der macht wäre würden nicht weniger menschen erschossen werden als bei der npd. nur eben andere. das machts nicht besser. ebenso sind die „linken“ für die abschaffung der demokratie. das würden sie so natürlich nie sagen, sind es aber. gedanken, klerikial, rechts oder linksfaschismus sind genau die dinge die wir NICHT brauchen um den karren wieder aus dem dreck zu fahren. wir brauchen jemanden der mutig genug ist sich seines verstandes zu bemächtigen. das wird aber schwer wenn in der öffentlichkeit nur noch „sing-pop-sommergirl-camp-stars“ relevanz haben.

  2. ja, da hast du wohl recht.

    ich meinte damit auch nicht, dass die Linke 50% bekommt und den Kanzler stellt (*schauder*). Aber schon wenn sie die SPD überholt, nur für diese eine Wahl, schnallen die Schnarchnasen da oben vielleicht endlich mal, dass etwas schief läuft.

    Ich wollte damit sagen, dass es mir lieber ist die Linke hat „SPD-Prozent +5“ als die NPD, weil das noch viel Schlimmeres über unser Land aussagen würde.

    Viele, die Linke wählen, sind einfach naiv. Aber sie wünschen sich etwas Gutes.

    Da finde ich bei NPD-Wählern irgendwie keinen Ansatz. Sie mögen zwar dumm sein, aber eben gefährlich dumm, mit Grundideen, die mir Angst machen und die menschenverachtend sind.

  3. lebambi

    Ich bin etwas erstaunt, dass die Cooemts sich jetzt nur noch auf die Linke beziehen…

    Auslöser des Artikels war doch das menschliche Miteinander. Und da machen wir uns bitte nichts vor, gibt es wohl keine Partei, die ich da für fähig halte. Am wenigsten aktuell die SPD, ja noch vor der NPD.

    Ui ui ui, gewagt, aber ich will es euch erläutern. Wir fürchten uns vor einer Ellenbogengesellschaft. Die SPD sagt im groben, dass sie anders als die CDU wieder mehr den Mensch ins Licht rücken wollen. Das beweisen sie dann damit, dass sie z.B. Rüttgers in die Pfanne hauen. Gut, ist ein SPD-gebautes Rampenlicht und Rüttgers hat sich ja mal so was von vertan (der nächste Hitler wird nun mal nicht von der CDU gestellt und sicherlich auch nicht bei dieser Wahl… Trottel) aber was ich meine ist: Wenn ich (SPD) mich hinstelle, etwas vom fairen Miteinander schwafle und dann die anderen (CDU) medienwirksam in die Pfanne haue, kann ich auch beim Steakschmatzen über die Vorzüge vegetarischer Ernährung sprechen.

    Diese Wirklichkeitsfremden Puppenspieler haben verpennt, als wir unsere Seile durchtrennt haben. Sorry Jungs (und Angi), wir sind jetzt mündig und das steckt an. Der gemütliche Job ist nur mit utopischen Wahllügen nicht zu halten und menschliche Wärme entsteht nicht auf dem Plakat, sondern im Volk!

    Scheisst auf die NPD mit ihrem gefährlich-dummen Bodensatz politisch gerichteter Schläger, es ist an usn etwas gegen die wirklich gefährlichen Typen zu tun, gegen die Schreibtisch-Parolisierer und Verblender der etablierten Parteien. Make some noise!

  4. fab

    da gebe ich dir recht bambi. die rechten werden hoffendlich eh eine nische bleiben. die linke wird sich sowieso in ideologischen grabenkämpfen hingeben und sich selber zerstören. spd und cdu zusammen sind aber ein echter schaden für dieses land. den sargnagel liefern die grünen und die fdp. daher die piraten wählen^^.

    • da bin ich bei dir, aber wen wählst du mit der Erststimme?

      Ich wollte die Linken, aber ich kann nicht, es ist ein zu großer Idiot. Die Grünen machen sich hier in HH ebenfalls nicht wählbar. Was bleibt? Sonst stellt niemand mehr einen Direktkandidaten!

      Bleibt nur ungültig…

      • fab

        dann wählt halt mit der einen stimme die linke und mit der anderen die REP^^ dann hast du nen gleichgewicht und ne menge chaos im bundestag 😉

        lieber nicht….

  5. lebambi

    Ich wähle mich.

    Die Diktatur des Bambi!
    Daniel wird Minister für Parteyfetzigkeiten
    Kreativgeschwister kann „Minister für Zahlenfetzigkeiten“ oder „Propagierte Friedfertigkeit“ sein
    Fab mach ich zum „Befriedungsminister befriedeter Gebiete, oder solcher die es werden wollen“
    Nils wird „Minister für Wortspielerei und Humorfertigkeiten“

    Es gibt übrigens Freibier und Selbsthilfegruppen für unterarbeitete Politiker, eine neue Nationalhymne (irgendwas von Aqua, oder Heaven shall burn) und jeden Freitag ist nationaler Themenfeiertag!

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