Gastbeitrag zum Schanzenfest

Heute meldet sich Dr. Walter zu Wort mit seiner Sicht auf das Schanzenfest und die Schlüsse daraus. Dr. Walter lebt seit 14 Jahren auf der Schanze. Lesen wir doch mal, was er zu sagen hat:

Das September-Schanzenfest polarisiert – und hier zeigt sich mehr als nur der übliche Schanzenkonflikt. Ich glaube, hier zeigte sich erstmals richtig, dass es bei den Menschen, zum Beispiel im Schanzenviertel, wie auch den politischen Ausrichtungen einen gravierenden Wandel gibt.

Dieser Wandel betrifft nicht nur die Alt- und Neu-Parteien in Berlin. Er zeigt sich auch in der Sichtweise lokaler Stadtteil-Bewohner und Aktiver, in den Unterschieden der Herangehensweise oder Kommunikation von Missständen oder alternativen Gesellschafts- und Zukunftsmodellen.

Beispiel Schanze und Schanzenfest-Nachspielkrawall. Das Dilemma: Sehr viele Stimmen, auch meine in der Schanze lebenden oder arbeitenden Freunde, Bekannten und Kollegen, sind sämtlich grundsätzlich positiv gegenüber einer Stadtteilkultur-Mischung aus Clubs, Flora und einzelnen Initiativen eingestellt. Niemand hatte jedoch Verständnis für den Angriff einer Polizeiwache nebst Flucht zurück zum friedlichen Fest – natürlich mit der Polizei auf den Fersen, die somit erst in die Schanze geholt wurde…

Es scheint vielen so, als ob grade die Aktiven aus dem Flora-Umfeld ihren Draht zum Viertel und den Leuten, die hier wohnen und/oder leben, verloren haben. Ich wohne seit 14 Jahren hier, sehe den Wandel, finde auch nicht durchweg alles toll, was da an Tourismus-Kultur (von Reisebus- bis Hau-drauf-Agro-Touristen) entstanden ist – andererseits habe ich den Eindruck, dass grade die gemeinsam erarbeiteten Wege die Schanze gestaltet haben und weiterhin gestalten werden. Die Schanze ist und wird nicht Eppendorf oder dergleichen werden – solange man gemeinsam _miteinander_ gestaltet und nicht ein Teil der Schanzenviertel-Aktiven sich an den Rand stellt und sagt „ihr seid alle doof“.

Leider scheint sich ein Großteil der Rote-Flora-Aktiven darauf zurückzuziehen, dass alle Menschen annähernd genauso radikale politische Ansichten haben sollen – dabei zeigt sich, dass die direkte kommunikative politische Auseinandersetzung oft wesentlich effektiver als reines Krieg-Spielen und Nicht-miteinander-reden-wollen.

Und leider verliert dadurch diese politisch und gesellschaftlich aktive und engagierte Gruppe ihren politischen wie auch gesellschaftlichen Rückhalt.

Man sieht es daran, dass beispielsweise Teile des ehemals von der Flora veranstalteten kulturellen Programms vom Haus73 übernommen wurden – und wie es scheint, machen die im Haus73 das sogar besser und das obwohl die Pferdestall-GmbH als Betreiber mit einem recht großen Mitarbeitertrupp manchmal sympathisch chaotisch ihre Lokationen betreibt.

Man sieht es daran, dass den Rote-Flora-Sympathisanten anscheinend der Aggressions-Abbau wichtiger ist als der Schutz des eigenen Viertels, wenn zum Beispiel für die im Viertel lebenden Kinder gesammeltes Spielzeug aus dem verbrannt oder zerstört wird, wofür sogar ein verschlossener Container aufgebrochen wurde.

Ich frage mich, wo denn da die politischen Ideale der Rote-Flora-Sympathisanten geblieben sind?

Von sozial bis politisch links bis kommunistisch – alle diese politischen Ideale beinhalten den Aufbau und Erhalt eines gemeinsamen Zusammenlebens, das die positiven Werte jeder/s Einzelnen schützt und toleriert. Das ist sogar in den Begriffen Sozial und Kommune=Gemeinschaft enthalten. Und das geht nur, wenn man miteinander redet und sich auf einen gemeinsamen Lebensbereich einigt, in dem jeder seine Freiräume hat aber auch jeder die Grenzen des anderen akzeptiert.

Klar ist glaube ich allen: Die wirtschaftlichen Zeiten werden härter. Grade dann ist es wichtig, dass wir Menschen, zum Beispiel Bewohner und Nutzer eines Viertels wie der Schanze, zusammenhalten und Gegenbeispiele setzen – und der von außen empfundenen globalen sozialen oder wirtschaftlichen Härte und Aggression intelligente und positive Gegenmodelle bieten, die neues aufbauen statt einfach nur Altes kaputtzumachen und danach ein Trümmerfeld zu hinterlassen.

Wenn man Steine wirft, vergrößert man die Mauern.

Wenn man eine Welt schaffen will, in der alle miteinander auskommen, braucht man nicht Steine sondern Wege zueinander und gemeinsame Gespräche.

Gehen wir mit guten Beispielen nach vorn. Schaffen wir unsere solidarische Gemeinschaft _gemeinsam_ und nicht gegeneinander. Nur gemeinsam können wir wirklich effizient an den Missständen in unserer Welt arbeiten – und sie durch positive Modelle ersetzen. Sowie man aktiv neues Positives aufbaut, wird sich das Alte automatisch ändern müssen, weil das neue besser funktioniert.

Wir Menschen sind als Gemeinschaft gefordert, wenn wir eine Welt haben wollen, die wir alle auch gemeinsam nutzen können.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, hamburg, Politik

5 Antworten zu “Gastbeitrag zum Schanzenfest

  1. Danke DrWalter – sehr schöne Gedanken zu diesem Thema!

  2. Fab

    toller artikel! danke dafür, 100% ack.
    es wird anscheinend eng für die flora leute und selbstkritik scheinen die nicht zu kennen. aber nach dem hochmut kommt IMMER der fall….

  3. Finn

    Jepp, schöner Beitrag! I like!

  4. DrWalter

    super danke für euer feedback, mal schaun was folgt 🙂

  5. Flotzge

    mir fällt dazu nur ein …

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