Gängeviertel: Initiative stellte Nutzungskonzept vor

GängeviertelDirekt nach der Arbeit zog es Fab und mich gestern ins Gängeviertel. Nicht eine kulturelle Veranstaltung, das Bier, die Gemeinschaft oder das tolle Flair zogen uns dahin.

Nein, diesmal lud die Initiative „Komm in die Gänge“ zur Vorstellung ihres persönlichen Entwicklungskonzeptes. René Gabriel begrüßte die wirklich zahlreich erschienen Gäste in der Fabrik und erklärte noch einmal kurz, warum alle da sind. Ich denke, darauf kann ich jetzt verzichten.

Er übergab dann an Theresa Thiele, die vor allem noch einmal die drei Beweggründe für die Besetzung des Viertels aufzählte:

  1. Das Gängeviertel ist ein bedrohtes Denkmal, dessen Erhalt und Schutz öffentliches Interesse sein sollten.
  2. Kulturschaffende in Hamburg brauchen Raum.
  3. Bürger haben ein Recht auf Stadt.

Soweit nichts neues. Spannend waren aber die Fotos, die unter anderem aufdeckten, dass das Gängeviertel ganz offenbar mit der Praxis des „feuchten Abrisses“ ganz bewusst zur Verrottung freigegeben wurde. Theresa zufolge versteht man unter „feuchtem Abriss“ die Praxis, dass bei leerstehenden Häusern Dachfenster offen gelassen werden, so dass es reinregnet und die gesamte Bausubstanz durchfeuchtet wird. So bekommt man auch schnell denkmalgeschützte Gebäude soweit, dass sie baufällig und damit zum Abriss freigegeben sind.

Punkt 3. „Recht des Bürgers auf Stadt“ prangerte ein Problem an, dessen sich gerade viele Initiativen wie auch No BNQ annehmen. Es geht darum, dass in Hamburg Bürger keine Chance haben an städteplanerischen Prozessen teilzunehmen. Es werden (wie im Fall Ikea) vollendete Tatsachen geschaffen, die kaum noch Raum für Mitgestaltung geschweige denn Information und Protest lassen.

Theresa gab das Wort an Heiko (ich bin mir bei seinem Nachnamen nicht sicher) Donsbach, der nun erläuterte, wie sich die Initiative „Komm in die Gänge“ eine Nutzung des Viertels vorstellen könnte. Dies war neu. Zwar hatte man hier und da Gerüchte gehört, aber eine wirkliche Konzeption lag bis dato noch nicht vor. *Ergänzung vom 12. 10. 2009: Offenbar gab es die Pläne zur Einsicht bereits in der Puppenstube und auf der Internetseite. Mir war das nicht bekannt und ich hatte die Veranstaltung dann wohl missverstanden.

Im Großen und Ganzen überzeugte das Konzept aus Wohnen, Arbeiten und Kultur, immer mit dem Hinweis, dass es ein Rohkonzept ist, welches mit der Zeit und den Menschen im Viertel wachsen muss und in jedem Fall eine kommerzfreie Zone bieten soll. Städteplaner und Architekten im Team malten ein schönes Szenario, welches bei mir dennoch einen kleinen schalen Beigeschmack ließen. Die Treppen und der Akazienhimmel sahen schon irgendwie ein bißchen nach Jungfernstieg aus und wie sich private Gärten, Gewerbe und Cafés in einer öffentlichen und kommerzfreien Zone bewegen sollen schien auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Neben dem Bürogebäude an der Ecke Valentinskamp/Caffamacherreihe könnte ein Neubau entstehen, so viel verriet Heiko auch und verkündete, so könne man die „Urbanität reaktivieren“.*mit Bezug zum Viertel, nicht zum Neubau.

Manchmal verlor er sich etwas im architektonischen Kleinklein und nicht jeder konnte immer den Farbspielen in den Lageplänen folgen. Hängen blieb aber, dass keine Aufstockung, Entkernung und Bebauung der Brachflächen geplant ist, um eben den Flair und den Sinn dieses Viertels beizubehalten. „Wir sind die Retter!“ schmunzelte Heiko und erntete Beifall.

Das Gängeviertel umfasst eine Nutzfläche von 7124 Quadratmetern, die (*laut ersten Planungen) wie folgt genutzt werden sollen:

  • Wohn- und Ateliernutzung 70%
  • Gewerbliche Nutzung 16%
  • Soziokulturelle Nutzung 8%
  • Gemeinschaftsateliers 4%
  • Mischflächen 2%

René übernahm wieder das Mikro und weihte uns in die nächsten Schritte ein. Kurzfristig stehen an:

  • Gründung eines Fördervereins
  • Gebäude winterfest machen
  • mit der Stadt wegen der Grundstücksüberlassung verhandeln
  • einrichten einer Diskussionsreihe und weitere begleitende Gespräche

Mittelfristig soll das jetzt schon beeindruckende Kunst- und Kulturprogramm erweitert werden. Das Finanzierungskonzept braucht Zeit und noch einige Feinheiten und die Planung muss konkretisiert werden. Neben der Instandsetzung der Gebäude steht zudem das Spendensammeln auf der Agenda.

Zum Schluß formulierte René noch schön zusammengefasst Angebot und die Forderung an die Stadt.

Angebot: Wir…

  • schaffen Kreativflächen
  • erhalten das historische Erbe
  • entwickeln das Projekt
  • bieten Know-How
  • vernetzen die Kunst- und Kulturgruppen in Hamburg
  • praktizieren gesellschaftliches Engagement
  • bieten Freiräume für Bürger (aber ohne Kommerzialisierungszwang)
  • beteiligen uns an der Finanzierung

Forderungen

  • Winterfestmachung der Gebäude
  • Anhandgabe des Areals
  • Zeit für die Erarbeitung eines Finanzierungskonzeptes (ca. 1 Jahr)
  • Transparenz in den Entscheidungsprozessen
  • Kommunikation auf Augenhöhe (mit Entscheidungsträgern, mit Know-How)
  • gemeinsames Erarbeiten konstruktiver Lösungen

Alles in allem klang das ganze Konzept sehr vernünftig, auch wenn es noch viele unklare Punkte gibt.

Einen davon sprach eine Dame an, die wissen wollte, wie sich die Initiative absichert, dass nicht in 10 Jahren etablierte Künstler die Wohnungen besetzen und Nachwuchskünstler wieder keinen Raum haben. Mich störte an der Antwort, dass die Idee zeitlich begrenzter Stipendien eine Lösung wären. Hatte doch Theresa eben dies an Wilhelmsburg deutlich kritisiert. Besser wäre hier „keine Antwort“ gewesen.

Denn ich denke, wir können alle verstehen, dass die Initiative zunächst dringlichere Probleme und Aufgaben hat. Diese Details sind sicher Teil einer Diskussion, aber müßig, wenn man noch gar nicht weiß, wohin es sich überhaupt entwickelt. Denn zunächst einmal müssen wir sowieso alle hoffen, dass Hanzevast die Fristverlängerung auch nicht hilft und die Stadt ihre Kündigungsandrohung wahr macht.

Übrigens: Die Einladung an die fragende Dame, sich mit ihren Ideen gern einzubringen, verneinte diese, weil sie keine Zeit habe, da sie „sich den Arsch abarbeitet um die Miete zahlen zu können“. Das tun die Helfer im Gängeviertel auch. Und sie haben nicht nur Zeit gefunden, um destruktive Kritik auszuüben.

Ich für meinen Teil bleibe gespannt und drücke der Initiative weiterhin alle Daumen, die ich habe!

Apropos: heute Abend lohnt es sich wie immer, aber diesmal ganz besonders, mal in das Programm zu schauen: http://www.gaengeviertel.info

BG
kreativgeschwister.

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines

6 Antworten zu “Gängeviertel: Initiative stellte Nutzungskonzept vor

  1. René

    danke für deinen abriss zu unserer vorstellung am freitag.
    ich muß aber auf einige punkte hinweisen:

    ich finde es ok, daß unsere, im rahmen einer öffentlichen veranstaltung genannten namen, hier wieder gegeben werden. aber dann sollte dies auch von der verfasserin/dem verfasser ebenfalls geleistet werden. transparenz auf beiden seiten!

    die von dir genannten ‚hard-facts‘ sind, wie wir auch gesagt haben keine harten. es sind kennzahlen die dem momentanen planungsstand entsprechen. da das ganze im prozess entwickelt wird, werden sich diese zahlen noch verschieben. von ’soll … genutzt werden‘ wie du schreibst kann also noch nicht die rede sein!

    im bezug auf den MÖGLICHEN/DENKBAREN neubau an der brandwand caffamacherreihe hat heiko auch nicht von ’so kann man urbanität reaktivieren‘ gesprochen. die aussage steht im kontext der ganzen entwicklung des viertels!!!!

    und im übrigen: die konzeption lag in form der technischen pläne schon seit dem 22.08.2009 vor. auf der website zur initiative und in der ausstellung in der puppenstube!

    grüße, r.

  2. René

    asche auf mein haupt…

  3. Pingback: Links vom 12. Oktober 2009 | Testspiel.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s