Wie wir die Kultur verkauften

Ich kann mir mit diesem Artikel ganz viel Zeit lassen, ich habe eine Flatrate. Nebenbei telefoniere ich mit meinem Bruder – Datenpaket! Nur, wenn ich Kultur sehen möchte, statt vor dem Mac oder am iPhone zu hängen, dann muss ich tief in meine Tasche greifen.

Für eine Hand voll Dollar

Für eine Hand voll Dollar

Kunst ist keine Ware. Auch wenn uns so genannte Kunst-Auktionen etwas besseren belehren wollen. Kunst ist für die wenigen Begabten unter uns eine Form ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Jeder der den Mut und die Befähigung hat seiner Umwelt etwas aussergewöhnliches zu bieten, vortreten.
Das wichtigste daran ist dann, dass es jemanden gibt, der sie ausstellt. Bilder an die Wand, Skulpturen dekorativ im Raum verteilen, ein bisschen Musik auf die Lautsprecher, Filme mit Untertitel und unten ohne auf der Bühne. Wenn man in einer Großstadt lebt, fällt gelegentlich die Qual der Wahl schwer.

Andererseits genügt manchmal auch ein Blick ins Portemonaie und schon fällt die Entscheidung leicht. Dann eben doch Casino Royal auf Pro 7, ehe es auf ein Bier ins Kiek Ut geht.
Schade, aber ist wohl unvermeidbar. Immerhin wollen Künstler auch leben, müssen Museen hohe Mieten bezahlen und ausserdem soll ja auch nicht jeder Hans und/oder Franz seine fettige Säufernase an Monets „Picknick an der Seine“ plattdrücken.

Und so kommt Kunst nicht von können, sondern von Konsum. Und dafür braucht es bekanntlich Geld. Dachte ich, bis am 21.08. eine Gruppe Künstler und Sympathisanten das Gängeviertel in einem Akt der Verzweiflung über die katastrophale Situation für junge Künstler in Hamburg besetzten. Und plötzlich ging es, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und ein Hauch von Freiheit. Was da geschah, war ein Befreiungsschlag für die lange Vergessenen, die, deren Kunst dazu dienen sollte Menschen zu begeistern. Die Kulisse gab dem Ganzen zusätzlich noch etwas von Komune, von 68, von Auflehnung gegen die starren Grenzen, denen man sich latent ausgesetzt sah. Natürlich war das juristisch nicht einwandfrei, denn Eigentum kann man nicht einfach an sich reissen, auch wenn der Gedanke dahinter noch so gut ist. Aber wir sprechen hier vom Gängeviertel. Einem Stück Hamburger Geschichte, einer Ruine, ja, aber einer mit Charme. Und was sonst wurde denn dort in letzter Zeit gemacht? Eben. Man hatte einen Investor, aber so lange dort nichts gemacht wurde, warum nicht?

Jetzt ist das Gängeviertelprojekt „Komm in die Gänge“ zumindest geduldet. Wir haben also eine Alternative zu den ganzen Museen, Ausstellungen, Theatern und teuren Konzertsälen. Kultur ist zurück auf der Strasse, zurück bei den Menschen, die einen Großteil der Künstler hervorgebracht haben, die nun in den Häusern wohnen, die gebaut werden sollen, wenn Viertel wie die Gänge plattgewalzt und aus Glas und Stahl runderneuert sind.
Wir sollte dankbar sein, dass einige wenige Mutige sich widersetzt haben, dass eine Hand voll uns anderen etwas bietet, was uns auf die eine oder andere Weise vorenthalten wurde. Und wenn wir ehrlich sind, ist Kunst auch beweglich und das bleibt sie, wenn sie nahe an den Menschen bleibt.

Den ersten Schritt habt ihr getan, jetzt geht es darum, dass wir uns alle dafür einsetzen, dass der Status Quo bleibt. Ihr habt euch in den Gängen einer großen Verantwortung gestellt und diese hört nicht mit heute auf. Duldung ist der erste Schritt, jetzt geht es darum sich mit eurem Konzept zu etablieren. Wir alle haben die fast schon historische Chance alle zusammen, jeder Einzelne in Hamburg, die Gänge mitzutragen. Nicht jeder muss deswegen gleich mit Farbe und Pinsel seine gesamte Freizeit opfern, nicht Aktionismus, sondern Nachhaltigkeit sind jetzt die Aufgaben. Kommt in die Gänge, seid streitbar. Mögt Künstler, oder lehnt sie ab, setzt euch mit den Projekten auseinander, aber kommt. Denn nur, wenn die Behörde und die Politik sehen, dass dieser historische Teil Hamburgs eine echte Nutzung erhält, erhält er den Segen, den er dringend braucht. Lange bevor Hamburg Medienstadt wurde, war es schon eine Stadt der Frei- und Schöngeister. Noch ehe die Touristen sich mit Nackedeis in der Herbertstrasse vergnügten, war Kultur nicht Gut, sondern gelebte Überzeugung. Und diese Menschen haben Hamburg über die Zeiten hinweg begehrlich und attraktiv gehalten, wir beleben also eine gute Tradition wieder. Alle zusammen.

Danke Leute, ihr habt ihn zumindest entzerrt, den Ausverkauf der Kultur.
Und als kleines Dankeschön, verzichte ich heute auf Sarkasmus, Ironie und Wortspielereien.

In diesem Sinne, weiter so!

P.S. Bleibt dabei, die Gänge werden auch weiterhin fester Bestandteil unsere Artikel bleiben.

LeBambi

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, hamburg, Politik

7 Antworten zu “Wie wir die Kultur verkauften

  1. Der Artikel gibt Hoffnung!

    … Hoffnung, die ich kurzzeitig verlor, als ich in Rüdiger Safranskis „Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie“ von einem Hamburg las, dass stets kaufmännisch dominiert war.

    Ich zitiere:

    „Zu schnell auch legte der kaufmännische Sinn der Hamburger seine elegante Umhüllung ab und ließ sich wieder nackt und bloß sehen. >>Und als ich die vorüberwandelnden Menschen genauer betratete<>kam es mir vor, als seien sie selber nicht anders als Zahlen, als arabische Chiffern; und da ging ein krummfüßige Zwei neben einer fatalen Drei […]<>Künste<>Vertilgung des den Schiffen so verderblichen Seewurms<>Man sah Gelehrsamkeit, Wissenschaften und Künste über die Achsel an, wenn sie nicht laut wurden, sich nicht in den Dienst des Gewöhnlichen schmiegen wollten. Die Freude des Gelehrten an seiner Wissenschaft als solcher, abgesehen von den daraus entspringenden baren Vorteilen, begreift der Hamburger nicht. Den Übungen im Denken bloß zur Erweiterung des Geistes und zur Berichtigung allgemeiner Ideen, kann er seinen Beifall nicht geben. Er schenkt ihn nur den Bemühungen, die ihm, seiner Vaterstadt, den Gewerben Nutzen gewähren… Den Wert der Menschen und Dinge stempelt der Kaufmann. Dies ist der Hamburger in vollkommenem Grade.<< Die hohe Kunst der Nützlichkeit war in Hamburg von umwerfender Wirksamkeit und machte vor nichts halt. Respektable und künstlerisch reizvolle Gebäude wurden hemmungslos abgerissen. Die Instandsetzung des alten Doms kostete zuviel Geld: Man riß ihn 1805 ein. Mittelalterliche Klosterbauten erlitten dasselbe Schicksal. […] Auch die Bildergalerie des Rathauses konnte dem Geist der Nützlichkeit nicht widerstehen. Zu Spottpreisen verschleuderte man die Bestände, zu denen Bilder von Rubens und Rembrandt gehörten.
    […]
    Alles Wilde, Exzentrische, Grelle hatte es in Hamburg schwer. "

    (Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, August 2001. 5. Auflage: Januar 2008. S. 40 ff.)

  2. werbespott

    „Und so kommt Kunst nicht von können, sondern von Konsum.“ Thumbs up, Kopf demütig nach unten und 5* vergeben.

  3. werbespott

    Habe gerade gehört, das der Investor nun doch gezahlt haben soll…

    Jetzt wird es spannend!

  4. Fab

    ja aber nur die nächste rate mal sehen was das bedeutet

  5. lebambi

    Auch dazu werde ich etwas schreiben, gewohnt polemisch und mit netten Bildern!

  6. Pingback: Links (19. Oktober 2009 - 20. Oktober 2009) | Testspiel.de

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