Offener Brief an Hamburg

Moin Moin

Moin Moin

Manchmal hat man das Gefühl, dass einem alle nur Böses wollen. Man steht auf und schon der eiskalte Fußboden ist einem feindlich gesonnen. So dramatisch ist es glücklicherweise mit Hamburg nicht, denn ich liebe diese Stadt und gelegentlich liebt Sie mich zurück.

Geliebtes Hamburg,
wenn Peter Fox von Berlin singt, gebe ich ihm an vielen Stellen Recht. Versteh mich nicht falsch, ich mag Berlin, jeweils ein Wochenende lang. Wenn wiederum Hans Albers, der lange Hans, von Hamburg singt, dann muss ich trotz meiner geografisch schlecht geplanten Geburt, die Kapitänsmütze vom Kopf ans Herz führen und eine einsame Träne wegdrücken.

Hamburg, Du bist toll. Du hast einen Hafen, einen Michel von dem aus man laut Barkassenkapitän 4 Städte (Altstadt, Neustadt und 2x mal Karstadt… Obwohl… Na ja, bis vor kurzem jedenfalls) sehen kann. Du hast 1 Fußballverein und den HSV, Du hast Museen, Konzertsäle, Parks, die Binnen- und die Außenalster, Volksfeste, feste Volk und vieles mehr.

Hamburg, unsere Liebe begann vor über 8 Jahren und auch wenn ich wohl nie Hanseat werde, das leidige Thema der Geburt, so stehe ich doch fest zu dir. Gut, in jeder Beziehung gibt es Höhen und Tiefen. Es nervt mich, wenn Du deine (Regen-) Tage hast und dein vom liberalen ins konservative rückendes Grundgedankengut führt bei uns beiden immer wieder zu Unstimmigkeiten, aber bislang haben wir jede Klippe umschifft. Wie man das halt macht, in einer guten, erwachsenen Beziehung.

Du und ich, wir sind eigentlich ein Traumpaar, aber einige deiner Ansichten gefährden unsere Beziehung. Ich war immer wieder empört, wenn Du mir den Gang zum Schanzenfest mit einem Anflug von Polizeipräsenz madig gemacht hast. Deine latente Staatsgewalt führte bei mir, Du wirst dich erinnern, zu Gegenwehr. Dieses bockige Aufbieten typisch städtischer Machtpräsenz, da habe ich zum ersten mal einige Tage auf dem Sofa geschlafen.

verSCHANZEN

verSCHANZEN

Wir haben beide daraus gelernt, „entlieben“ kommt für uns ja nicht in Frage.
Du lässt mich in Ruhe Schanze feiern und im Gegenzug dafür schüttle ich süffisant verständnislos den Kopf, wenn andere sich mit Cocktails a la Molotow um den Verstand (und die Freiheit) bringen.

Hamburg deine Kurven

Hamburg deine Kurven

Wir hatten so einen schönen Sommer und als Du etwas Kultur in deinem historischen Stadtkern angesetzt hast, da war ich nicht etwa empört, nein, ich fand es machte dich um so liebenswerter. Aber wie Ihr Städte nun mal seid, wolltest Du kulturell ein wenig abspecken um die Mitte. Und als dann auch noch ein Investor mit einem Batzen Geld winkte, im Falle des Erfolgs, da gab es kein Halten mehr.
Hinfällig, dass ich dich trotz, nein sogar wegen deiner paar Künstler mehr um die Gänge liebe.

Vergessen unsere schöne Zeit.
Aufgegeben die gemeinsamen Abende voller ausgelassener Ausstellungen, Lesungen, Parties und neuer Leute.
Du hattest plötzlich einen neuen Lover.

Und wie bei den Ärzten versuche ich dich wiederzugewinnen. Ich versuche mit meinem Engagement gegen ein prall gefülltes Bankkonto zu konkurrieren.

BankKonto

BankKonto

Ich versuche Luftschlösser mit von eigener Hand gezimmerten Protestschildern niederzureissen.
Ich klammere mich und dich an den Rettungsring eines Liebesschwurs, den ich an meinem ersten Tag in meiner ersten Wohnung im zweithässlichsten Teil Hamburgs geleistet habe.
Ich lese dir auch gerne mit fester Stimme gegen deine Herbststürme ankämpfend aus Fix und Foxi vor, ehe es dich und deinen Investorenidioten in die Elbphilharmonie zieht…

Aber bitte komm zurück.
Bleib doch, wie Du bist, oder leider fast passender, werd wieder, wie Du warst.
Unabhängig, unvoreingenommen, interessiert, weltoffen, inspirierend, kunstinteressiert, liebenswert, faszinierend, facettenreich.

Ich weiß, in der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt, aber es müssen nicht die selben Mittel angewandt werden, also nimm deine Deckung (gemischt aus Trotz, falscher Unterstützung, Ignoranz und Geldgier) runter und lass uns zusammen eine Paartherapie machen, denn ich will dich nicht verlieren.

In diesem Sinne, don’t be „another promise that you couldn´t keep!“

LeBambi

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8 Kommentare

Eingeordnet unter hamburg, Politik, Satire

8 Antworten zu “Offener Brief an Hamburg

  1. Wonderful, aber ich denke, du solltest schluß machen.Vielleicht begreift Hamburg dann ja, was es an dir hat!

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  4. Jan

    *schnüff*, so herzzerreißend. Das kann ich nachfühlen, sogar sehr gut.. Mir geht es mit dieser Stadt meines Herzens genauso.

  5. OPen

    Eine tragische Liebesgeschichte.

    Sowas sucht man bei GZSZ vergebens…

  6. Pingback: links for 2009-10-22 « Moppelkotze::Blog

  7. Pingback: Kultur in der Krise – komm in die Gänge, Hamburg | zuendelkind

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