In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

„Ist Gesellschaft mehr als das Gleiche zu tun? Nutzen wir die Talente unserer Gesellschaft? Bedeutet Zusammenarbeit auch Zusammenhalt? Hält ein Gemeinschaftsgefühl länger als einen Moment? Wie viel Freiraum braucht jeder Einzelne? Und wer bestimmt eigentlich die Richtung in unserer Gesellschaft?“

StatusmeldungHallo zusammen,

Diese schönen einleitenden Fragen sind O-Ton des akztuellen Videos auf diegesellschafter.de und klingen unglaublich schön. Fragen, die sich jeder schon gestellt hat und welche die Aktion von Aktion Mensch im Spot natürlich Mario Barth Klischee-getreu von einer Frau mit einer Gegenfrage beantworten lässt:
„Haben nicht wir in der Hand, wohin unsere Reise geht?“ Ha, schön wär´s, aber genau das ist nicht der Fall. Und zwar nicht, weil die ganzen Verschwörungstheoretiker Recht haben, sondern weil es kein WIR gibt.
Das hängt nicht ausschliesslich mit den demografischen Merkmalen von uns Einzelnen zusammen, es hat auch sehr viel mit Einstellungen zu tun. Ich kann auch nicht vom Fleck weg entscheiden, in was für einer Gesellschaft ich leben möchte, aber ich weiß, in was für einer Gesellschaft ich nicht leben möchte.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Kommerz vor Kunst kommt.
In der Erfolg wichtiger ist als Menschlichkeit, in der geschäftliche Rafinesse mit Intelligenz gleichgesetzt wird und in der nicht Erfahrung sondern Linientreue zählen.
Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der „Der Kunde ist König“ wörtlich genommen wird und sich Dientleister wie Bauern im 16. Jahrhundert ihren Feudalherren beugen sollen, ohne das diese Praxis zumindest von den Betroffenen selbst als fragwürdig empfunden wird.

Wenn man Ende 20 länger als für einen Moment, den andere kollektiv für´s vielbeschworene Gemeinschaftsgefühl nutzen, überlegt, ob man das alles den Rest seines Lebens erträgt, dann hat man entweder Depressionen oder einfach die Schnauze voll von einem „System“, an dessen Implementierung man etwa so viel Zutun hatte, wie der eigenen Geburt. Depressionen wären momentan das kleinere Problem (nicht das kleinere Übel). Dank der deutschen Fussballelite und dem jüngsten einer Reihe von Opfern, ist es eine kleinere Schande sich mit Depressionen zu outen.

Und DAS wird uns als ERFOLG verkauft? In was für einer Gesellschaft wollen wir denn leben, wenn allein die Diskussion über das Problem schon als Erfolg gilt? Nicht nur, dass Enke einem Leid tat, man Mitleid mit seiner Frau und der restlichen Familie hatte, nein. Es gab ein paar ganz empathische, die sogar noch das Leid des Zugführers und seiner Familie bedauerten.
Man darf das hier nicht falsch verstehen, deswegen gleich vor weg: Die haben mir auch alle Leid getan, aber das ist doch nicht das Ende des Problems!
Man kann doch nicht Kerzen aufstellen, ins Stadion kondolieren, danach dümmlich in die Kamera nuscheln „man denke natürlich auch an die Familie des Schaffners“ und dann glauben, man habe alles mögliche getan.

Aber in was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Das ist wie Ablasshandel. Man kauft sich frei. Was man wirklich machen kann ist sich zu hinterfragen. Sich und die gesamte Scheisse, die so eine Tragödie auslöst. Gut, bei Enke war der Auslöser vermutlich der Tod seiner Tochter. Aber was kam danach? Der arme Kerl hatte zu funktionieren. Training, Spiele, Interviews, Meets and greets, Autogrammstunden und vor allem die Häme der Fans und Gegner, wenns mal nicht lief. Da kann man schon mal das Glas als furztrocken empfinden. Und jetzt, nicht einmal zwei Monate nach dem „offiziellen“ TV-Outing von Sebastian Deisler, kapieren die Leute endlich, dass nicht nur „so weiche Bübchen“ wie der Deisler Probleme haben. Es musste sich also erst ein Nationalspieler umbringen, damit man anfängt, sich Gedanken zu machen.

Mal aus dem Nähkästchen geplaudert: Ich allein KENNE in meinem Bekanntenkreis 6 Leute, die Therapien gebraucht haben, weil sie depressiv waren oder zumindest Hilfe gesucht haben. Die viel zitierte Dunkelziffer… keine Ahnung! Aber dieser Trend ist beängstigend und da hat keiner ein Familienmitglied verloren, oder spielt wöchentlich vor zigtausend Menschen Fußball.

Nein, die Leute sind einfach auf. Fertig, weil sie immer funktionieren müssen. Weil es keine Schwäche geben darf, weil sonst jemand anders den Job macht, der belastbarer ist. Aspiranten gibt´s genug, das Aspirin wird knapp. Und wenn es nicht der Job ist, dann die Kohle. Man verdient 3.000 brutto und hat am Ende 400 zum leben. Warum? Weil man studieren wollte und nebenbei nicht arbeiten konnte. Oder, weil die Nebenkostenabrechnung mal eben so bei 800 EUR+ ansetzte. Dazu kommt, dass die Karre kaputt ist, man ins Krankenhaus musste. Oder die Partnerschaft zerissen ist, was Neukauf von Möbeln, Umzug etc. bedeutet…

Da tanzt man auch nicht ständig nackig über ne Blumenwiese und pfeift „Oh wie ist das schön!“. MAN, die Leute haben Existenzängste. Und das in einem Land, dass als Global Player beim Export mitspielt. Was wir vorallem exportieren? Gefühlt sind es Arbeitsplätze, aber was weiß ich schon?
Aber warum zum Henker geht es einigen denn so schlecht? Oder zumindest nicht sooooooooooooo gut? Weil es einigen wenigen nie gut genug geht. Das klingt jetzt alles nach klasisschen Stammtischparolen („DIE da oben“ und so), aber machen wir uns doch nichts vor.

Die Krise war vermutlich vorbestimmt, aber begünstigt, wenn nicht sogar verursacht haben sie gierige Typen, die mit Spekulationen und Lügen kleine Leute dazu gebracht haben Geld einzusetzen, das sie nicht hatten, oder sich nicht hätten abschwatzen lassen sollen.

Und wer bezahlt die Zeche? Der Wirt!
Derjenige, der ohnehin schon gefickt arm dran ist, weil sein Erspartes zum Teufel ist, darf dann auch noch mit höheren Steuern die Fehler der anderen ausbügeln. Wen wunderts da, dass die Leute sauer sind? Aber es kommt noch besser: Da ja jetzt Geld fehlt, weil es in wertlosen Gegenständen parkt und die Banken natürlich unantastbar sind, weil da ja unsere Ersparnisse liegen (sofern sie nicht in die „todsicheren“ risikoarmen Investmentvorschläge irgendwelcher Berater und Analysten verschwunden sind – also wessen oder welche Ersparnisse bitte???) muss man die Banken subventionieren um das Finanzwesen nicht einstürzen zu lassen.

Und was passiert? Während sich der kleine Schalterangestellt noch mit dem Tischtacker und nem Ringordner gegen wütende Anleger verteidigt um nicht auf dem Sparkassenvorplatz aufgeknüpft zu werden, schöpfen sich die Vorstandsvorsitzenden schon wieder Millionenprovisionen ab, die sie natürlich auf Grund ihrer Top-Leistungen auch verdient haben.
GeschäftsmodellDafür gibt es erst Mal keine Kredite, denn jetzt darf erst Mal nicht gezockt werden. Also gehen kleinere Unternehmen in der Kinderrutsche genannt sozialer Abstieg lustig in der Spirale nach unten. Wenn die dann notgedrungen Leute entlassen, ist das super, weil dann nämlich die mittelständischen Unternehmer die Buh-Männer sind, auf die sich der Ärger umverteilt.

Aber in was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Dann muss aber jemand erklären, warum das so ist. Oder zumindest so sorgfältig vom Problem ablenken, dass man nicht zu kritisch darüber nachdenkt. Das nennt sich dann Qualitätsjournalismus und dort ist zu lesen, dass ab 2010 die Löhne steigen, dass wir ein Exportplus haben und, dass sich die Situation gerade wieder entspannt. Alle Signale sind also auf Wachstum gestellt, die Krise ist fast überstanden.

Aber das ist ein Irrtum, denn die tatsächliche Krise steht uns vermutlich noch bevor. Spätestens Mitte nächsten Jahres werden einige Leute ihre Autos wieder abgeben, die sie mit staatlicher Unterstützung gekauft haben, weil die Raten zu teuer werden. Die Autobranche steckt dann schon im Abverkaufsloch, weil sie ja dank Abwrackprämie 2009 alles rausblasen mussten, was mindestens 3 Räder und ein Dach hatte. Die Energiepreise werden angezogen und die Mieten steigen. Das Ganze gekoppelt mit irrsinnigen Bauvorhaben, die niemandem nutzen. Hinzu kommt, dass aktuell eine Privatisierungswelle auf uns zu rast, wie ein Tsunami. Krankenhäuser, Bahnstrecken, sogar das Gesundheitssystem soll weniger in der Verantwortlichkeit des Staates liegen, als bisher. Davon liest man zwar auch in der Zeitung, aber das sind kleine Meldungen, die sich höchstens in lokalen Titeln als Aufreger eignen.

Die BLÖD BILD z.B. ernennt sich zur Volkszeitung mit „Volkstarif“, „Volksauto“, „Volks-Handy“ und und und… Damit stellt sie sich als Sprachrohr der tatsächlichen Volksmeinung dar. Das ist aber nicht der Fall, denn Meinungsbildung und Meinungsvertretung sind unterschiedliche Paar Stöckelschuhe für die Diva. Schlimm ist nur, dass nicht nur diese, sondern auch viele andere Zeitungen inzwischen die Auflage der Qualität untergeordnet haben. Das Ergebnis ist einfach. Um ein Unterscheidungsmerkmal zu schaffen kann die Qualität nicht mehr dienen, denn die Meldungen sind überall die selben, man muss sich also, wenn dafür Geld da ist, die Themen selber schaffen. Und dabei geht es um Quote.

Und daran sind wir nun alle irgendwie mitschuld, denn wenn Sex, Gewalt, Tierbabys und Hetze sich besser verkaufen, als Hintergrundberichte und Wissen, dann wird dieser Markt bis zum Erbrechen bedient.
Und in so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben, wenn diese Blätter tatsächlich den Anspruch, die Meinung und den Glauben eben dieser widerspiegeln.

Das war eine Ganze Menge Kotze, die da auf dem Bildschirm gelandet ist, ein erster verbaler Rundumschlag sozusagen.
Und damit jetzt niemand auf die Idee kommt, die Richtung des Blogs würde sich zu einem Hetzformat verändern, lest den bald erscheinenden nächsten Artikel zum Thema …

In diesem Sinne, bleibt kritisch.

LeBambi

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14 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines, Gesellschaft, hamburg, Immobilien, Journalismus, Politik, totalerscheiss.de

14 Antworten zu “In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

  1. Bitte kennzeichne ein Zitat auch als Solches! mit Tüddelchen „“ Danke! 🙂

  2. lebambi

    Sprechen wir vom Einleitungstext? Done…
    Wenn Du was anderes meinst, tu mir doch den Gefallen und sag mir wo, ich lese meine Artikel doch nicht 🙂

  3. ansonsten. Bravo. Zwar ziemlich viele Themen durcheinander, aber die kann man nun ja einzeln anfassen. Danke!

  4. wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn …

    sehr schönes brainstorming zur lage der nation.

  5. Wo kann ich denn bei den Gesellschaftern das Video finden? Ich hab da grade draufgeguckt, aber da ist kein Video. Oder bin ich zu doof? 😉
    Gruß, Frosch

  6. lebambi

    Hey Sabine, eigentlich auf der Startseite, wenn Du runter scrollst, aber als kleiner Service von totalerscheiss.de

    • Danke LeBambi, jetzt ist auch klar, warum ich das Video nicht sehen konnte. Das sieht man nur, wenn JavaScript eingeschaltet ist. Ich hab da aber einen netten kleinen Helfer namens NoScript im Feuerfuchs. 😉

      Gruß, Frosch

  7. Pingback: Froschs Blog » Blog Archive » Gesellschaft und Depressionen

  8. Flotzge

    in welcher welt leben wir eigentlich …

    in einer welt in der selbstmörder zu ikonen werden …
    ein torwart, im besten fussball alter, wird zum torwart des jahres ikoniesiert …
    ein schauspieler bekommt nach medikamentencocktail den oscar …
    ein grungesänger wird mit kugel im kopf zum idol zahlreicher jugendlicher …

    da wird das fremdtrauern direkt vom fremdschämen abgelöst …

  9. Pingback: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? « Radio B: Die Stimme der Vernunft

  10. Flotzge

    hehe
    Scheich Yusuf al-Qaradawi hat wohl deinen Beitrag auch gelesen und heute gefragt „In welcher Gesellschaft leben wir ?“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Yusuf_al-Qaradawi

  11. Pingback: Was Du nicht willst, das man dir tut… | Totaler Scheiß

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