Schon wieder wählen? PrimarWAS?

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So, gestern komme ich nach Hause und entdecke einen großen Umschlag eingequetscht in meinen Briefkasten. Von Natur aus bin ich ja ein neugieriger Mensch, also freu ich mich erstmal und friemel ihn raus.

Aha. Stadt Hamburg. Wahlunterlagen.

Hä? Moment, … was für eine Wahl?

So, Volksentscheid. Soso. Es geht um die Schulreform.

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Ich muss ja gestehen, dass ich mich nach meinem Abitur im Jahre 2000 (Oh Gott, 10-Jähriges) nicht mehr wirklich tiefgreifend mit diesem Thema beschäftigt hatte. Nur noch in meiner Zeit als Journalistin bei der regionalen Tageszeitung, als in Niedersachsen die Orientierungsstufe zu Grabe getragen wurde. Eine wirkliche Meinung hatte ich mir dazu aber nicht gebildet.

Ist ja nicht so, als wären mir die Plakate in den letzten Monaten nicht aufgefallen, aber sie kamen irgendwie nicht im Hirn an.

Nun muss ich also abstimmen. Habe eine Hauch Verantwortung und muss mir so viele Fragen stellen:

1. Wie ist die derzeitige Situation in Hamburg?
2. Was soll verändert werden?
3. Interessiert mich das?
4. Habe ich so oder so die Pflicht abzustimmen?
5. Will ich irgendwann Kinder?
6. Wann?
7. Bin ich dann nicht zu alt?
….. ich schweife ab. Konzentrieren wir uns auf das Kernthema.

Grundsätzlich freue ich mich immer, wenn Elemente direkter Demokratie ins Spiel kommen und ich will das nicht verpuffen lassen, nur weil das Thema nicht eins meiner zentralsten ist.

Worum geht es also?

Im Moment (seit Schuljahr 2008/2009) sieht es in Hamburg so aus:

1. Schüler gehen auf eine Grundschule für 4 Jahre und werden dann auf eine weiterführende Schule verwiesen (vereinfacht: Hauptschule, Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule, nur dass Haupt- und Realschule mittlerweile schon zusammengelegt wurden).

2. Die Entscheidung, auf welche der weiterführenden Schulen das Kind geht, liegt letztlich auf Seiten der Eltern (Elternwahlrecht) hoffentlich auch in Absprache mit dem Kind, die aber auch eine Empfehlung der Lehrer als Entscheidungsgrundlage haben.

3. Nach der 6. Klasse wird in einer Zeugniskonferenz entschieden, ob das Kind weiter auf der gewählten Schule bleiben kann oder wechseln muss (weil es entweder zu gut oder zu schlecht ist).

Nach der gewünschten Schulreform soll es dann so aussehen (wenn man das auch möchte dann ist man, wie ich nun lernte, Pro Primarschule und sollte auf der rechten Seite des Wahlzettels „JA“ sagen und links „NEIN“):

1. Kinder gehen auf eine sechsjährige Primarschule, sie haben in der Zeit den gleichen Klassenlehrer.

2. Es wird nur noch 2 weiterführende Schulformen geben
a) Gymnasium (wie gehabt), aber Abitur nach 12 Jahren
b) Stadtteilschule: hier lernen die Schüler gemeinsam.
Nach der 9. hat man seinen Hauptschulabschluss (erster
allgemeinbildender Schulabschluss), nach der 10. den
Realschulabschluss (zweiter allgemeinbildender
Schulabschluss) und wenn man dann noch
weitermachen will, kann man sein Abitur nach 3 weiteren
Oberstufenjahren machen.

3. Englisch soll ab Klasse 1 unterrichtet werden, ab Klasse 5 kommt eine neue Sprache hinzu (freiwillig).

4. Ab Klasse 5 soll ein Wahlpflichtfach gewählt werden, in dem die Kinder ihren Interessen entsprechend in Zusatzkursen weiteres vertieftes Wissen aufbauen können.

5. So wie ich das verstanden habe fällt die Lehrerempfehlung weg und die Eltern entscheiden nach der 6. (auch hier hoffentlich in Absprache mit ihren Kindern). Nach der 7. entscheidet dann eine Zeugniskonferenz auf dem Gymnasium, ob das Kind dort bleiben kann.

So, ich glaube das waren die Fakten.

Nun fehlt noch die Meinung.

Meine sieht so aus:

Ich bin damals auf einem Gymnasium gewesen und habe in der 11. Klasse ein paar Leute gesehen, die versucht haben die so genannte „Durchlässigkeit des Schulsystems“ zu nutzen und von der realschule aufs Gymnasium zu kommen, um ihr Abitur zu machen. Ich kenn keinen, der es geschafft hat. In meinen Augen hat das vor allem daran gelegen, dass sie in eine feste Klassengemeinschaft kamen und es in diesem Alter einfach unfassbar schwer ist, ohne einen festen Freundeskreis an der Schule zurecht zu kommen. Der andere Grund ist, dass sie einfach völlig andere Dinge und auch ganz anders gelernt hatten als wir. Von wegen Durchlässigkeit.

Zwei der Drei sind dann mit einigen aus unserem Klassenverband in Richtung Integrierte Gesamtschule abgewandert und haben dort ein erstklassiges Abitur hingelegt.

Natürlich haben wir gelästert. Natürlich haben wir gesagt, dass das Abitur dort nicht die gleiche Qualität hat, das Niveau einfach niedriger ist. Auch allein schon, um unsere Abiturleistung aufzuwerten.

Menschlich. Aber nicht richtig.

Ein paar Jahre später bin ich wiederum als Journalistin mal schnüffeln gegangen und mir ist aufgefallen, dass die Lernatmosphäre eine ganz andere war. Viel sanfter, verständnisvoller und auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler ausgerichtet. Klar, ich habe es nur einen Tag beobachtet, aber mir erschien es, als hätten die Schüler tatsächlich Spaß am Lernen, weil ihre Lehrer Partner waren und nicht auf der anderen Seite.

Ich habe eben noch mit einem Kollegen gesprochen, der froh ist, dass seine Tochter jetzt gerade auf dem Gymnasium angemeldet wurde. Der als Vater das ganze praktisch und nicht wie ich theoretisch (utopisch) betrachtet. Gegenargumente sind natürlich:

  • Ungerechtigkeit, weil bildungsschwache Familien sich nicht interessieren können und evtl. auch in Stadtteilen wohnen, in denen es keine Gymnasien gibt
  • Schwache ziehen die Starken runter, am Ende sind wir alle dümmer
  • etc. (zu finden zum Beispiel hier)
  • Ich denke, jeder muss nun seinen Weg finden. Vielleicht hilft auch der Wahl-O-Mat, den ich auf der Pro-Seite gefunden habe zusammen mit den Argumenten für die Reform. Wie unabhängig der nun ist, keine Ahnung…

    Auf jeden Fall bitte ich euch inständig, Euch daran zu beteiligen, am besten direk per Briefwahl, dann habt Ihr es vom Tisch. Wenn wir denn schon mal die Chance auf direkte Demokratie haben!

    BG
    kreativgeschwister

    Nachtrag vom 16. Juni 2010

    Heute habe ich dieses Video eines Panoramabeitrags gefunden, und es hat mich wütend gemacht. Schaut es  Euch bitte bitte an und tut was!

    (Einbetten darf man leider nicht, deswegen nur verlinkt, sorry.

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    3 Kommentare

    Eingeordnet unter Allgemeines

    3 Antworten zu “Schon wieder wählen? PrimarWAS?

    1. fabiang

      Hallo liebe Christine,

      ich finde deinen artikel gut geschrieben und deine meinung gut dargelegt.

      jedoch mach diese schulrefom mich unglaublich wütend. sie beinhaltet gute, z.b. der gedanke der „Stadteilschule“, was ja einfach eine gesamtschule ist. das ist was endlich geschehen muss. ich war auf ner gesamtschule und das war für alle schüler gut. und das geliebte gymnasium bleibt ja auch.

      nur leider machen die initiatoren das konzept durch einen „schönheitsfehler“ kaputt und es wird daran vermutlich scheitern. oder ich habe den punkt falsch verstanden.

      1. Kinder gehen auf eine sechsjährige Primarschule, sie haben in der Zeit den gleichen Klassenlehrer.

      dazu:
      a) LAP Lehrer sind für die Klassen 1-4 spezialisiert. Wie sollen sie sinnvoll die Klassen 1-6 führen? Eine einfache Weiterbildung hilft da sicher nicht.
      b) Das LAP Studium muss umgestellt werden, viele Studenten haben teilweise umsonst studiert.
      c)6 Jahre immer den gleichen Lehrer ist für kinder sicher NICHT förderlich. Es gibt genug Lehrer mit denen man nicht klarkommt.
      d) zu Punkt a könnte man noch ne menge schreiben. z.b. die lehrer schnell überfordert sein werden mit den 6klässlern die gerade in die pubertät kommen.
      e) das gymnasium wird in seiner existenzgrundlage beraubt. die die es sich leisten können werden die kinder auf privatschulen schicken.

      die reform hat gute ansätze, aber leider haben sie sich nicht einfach nur auf den wichtigsten kern fokussiert:

      abschaffung der real und hauptschulen durch ersatz mit der gesamtschule.

      • Naja, aber mit der Stadtteilschule schaffen sie ja Haupt- und Realschule ab. Der Unterschied ist, dass wer auf der Stadtteilschule nach der 10. noch Lust hat, nicht in einen fremden Klassenverband gehen muss und die Schule wechselt sondern einfach da bleibt und weiter macht.

        Ich denke auch nicht, dass das Gymnasium seine Grundlage entzogen bekommt, denn dort kommt man schneller zum Ziel (12 Jahre) und wenn man meint, dass sein Kind gleich ans Gymnasium soll, der schickt es aufs Gym und nicht auf die Stadtteilschule.

        Das Privatschulenproblem hast du auch jetzt schon.

        Ich erinnere mich, dass ich nach der Grundschule in die OS kam für die 5. und 6. Klasse. Erst dann wurde geschaut, in welche Richtung es nun weiter geht. Ich finde es jetzt einfach zu krass, nach der 4. schon einstufen zu wollen.

        Ich finde, von den beiden Möglichkeiten, die sich uns nun zur Wahl stellen, ist die Primarschule die bessere, eben wegen der Stadtteilschule, die zusätzlich zum jetzigen System die Möglichkeit bietet, dass man ohne große Umstellung den Weg zum Abitur schaffen kann. Das ist in meinen Augen jetzt nicht gegeben!

    2. So, hat die gezielte Desinformation also geholfen… schade schade…

      Irgendwie ist in allen von mir geführten Gesprächen klargeworden, dass man davon ausging, stimme man für die Reform, dann werde das Gymnasium abgeschafft und mit diesem auch das Elternwahlrecht.

      Was für eine traurige Stunde…

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