In ya face(book) …

Wir leben in einer verrückten Zeit. Das ist nicht neu und so könnte eigentlich jeder Beitrag auf unserer Seite anfangen. Aber heute geht es um eine bestimmte Sache, über die persönlichen Grenzen der Freiheit. Und um die verschiedenen Möglichkeiten diese zu be-grenzen. Unser heutiges Exklusivbeispiel: facebook.

Hallo zusammen,

Abraham Maslow hat bereits 1943, also mitten in den Wirren des 2. Weltkriegs die „Maslowsche Bedürfnispyramide“ entwickelt. Diese zeigt aus seiner Sicht die Stufen der menschlichen Bedürfnisse. Ich habe gelernt, dass die einzelnen Stufen stark mit den aktuellen äusseren Umständen zusammenhängen, was bedeutet, dass z.B. in einem Entwicklungsland eine andere Stufe der Pyramide wichtig ist, als in einem Schwellen- oder Industrieland. Im Fall von Deutschland wäre also (momentan) vermutlich Selbstverwirklichung die interessante Stufe. Und für die Selbstverwirklichung haben wir verschiedene Möglichkeiten. Eine einfache ist das Internetnetzwerk facebook. Denn hier können wir unsere Gedanken, Gefühle, Gemütslagen, Aktivitäten und Erlebnisse unseren „Freunden“ zugänglich machen, ohne dafür mit jedem Einzelnen sprechen zu müssen. Das ist eine Freiheit, die nicht jeder Mensch hat.

Freiheit ist für mich ein hohes Gut, ich geniesse die verfassungsmässigen Freiheiten jederzeit entscheiden zu können, was ich sagen, wo ich wohnen, was ich arbeiten, essen und sogar glauben möchte. Das hat sogar die Werbung für sich entdeckt und hier finde ich besonders die letzten beiden (eigentlich sind es drei) Aussagen interessant und kann sie unterschreiben. Freiheit bedeutet selbstbestimmt zu sein. Benjamin Franklin sagte einmal „Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.“ Das scheint richtig, aber für mich bedeutet Freiheit auch die Sicherheit, meine Entscheidungen selbst treffen zu können. Um nun ENDLICH zum eigentlichen Thema zu kommen noch ein letzter Einschub: Entscheidungen zu treffen ist eine persönliche, individuelle Angelegenheit, man kann dafür auch äussere Einflüsse, wie zum Beispiel die Meinung von Freunden und Familie miteinbeziehen, Ethik spielt eine Rolle und oft auch die Gesellschaft mit ihren Werten und Normen.

Jetzt aber: Ich habe gestern Nacht noch einmal facebook angeworfen und war für eine Milisekunde wirklich überrascht. Meine Freundin, die teilweise löwengleich für ihre Freiheit kämpft, hat laut facebook den Freundes-Finder benutzt.

Aha!?!

Aha!?!

Sie und eine ehemalige Kundin und heute liebe Bekannte. Bei beiden konnte ich mir das nicht wirklich vorstellen, denn auch wenn ich bei beiden nicht immer alles unterschreiben würde, was sie von sich geben, soooooo unterschiedlich ticken wir dann doch nicht. Der Freundes-Finder, der eigentlich eine nette Idee ist, hat nämlich einen Nachteil: Einmal angewendet scant und speichert er die E-Mail-Adressen des Nutzers. Und das ohne dies ausreichend anzukündigen. Ich habe mir also, obwohl ich die Antwort schon kannte, beide angeschrieben und mich rückversichert, dass die Behauptung von facebook falsch war. Drastisch ausgedrückt hat facebook mich belogen. facebook hat ungefragt aus meiner Freundesliste wahllos Menschen ausgesucht und sie instrumentalisiert. Das ist deshalb für mich so unvorstellbar, weil mit dieser einen Meldung die Freiheit von drei Menschen eingeschränkt wird:

1. Meine Freiheit, eine Entscheidung zu treffen, da ich meinen Freunden vertrauen möchte, an sie glauben und mir MEIN Bild über sie machen können will.
2. Die Freiheit meiner Freundin und meiner Bekannten, da sie für mich (wenn auch nur eine Schrecksekunde lang) ihre Glaubwürdigkeit verloren und damit ihre „Beraterfunktion“ eingebüsst hatten. facebook hat in ihrem Namen gesprochen, ohne, dass sie dem zugestimmt haben.

Es gibt mal wieder eine tolle Zusammenfassung von Extra3, die das Phänomen facebook gewohnt humorvoll unter die Lupe genommen hat. Der selbst entwickelte Konzern-Claim am Ende („facebook – Wir wollen dich doch nur kennenlernen!“) trifft hier genau das, was mich stört. Ein Unternehmen, dass systematisch die Daten seiner Mitglieder sammelt und dies als zeitgemäße Freizeitaktivität verschleiert. Schlimmer noch, ein Unternehmen, dass gezielt Fehlinformationen streut, um noch mehr Daten zu sammeln. Ein Teil der Deutschen erinnert sich noch an ein anderes Unternehmen, das so gearbeitet hat: Die Regierung der DDR. Und viele Deutsche haben sich darüber aufgeregt, dass auch die Bundesrepublik anfing anfängt so zu arbeiten (Vorratsdatenspeicherung, Lauschangriff, Internetzensur, …). Und das ist auch gut so. Aber leider sind wir alle (zumindest die FB-User) gerne bereit, auf einen Teil unserer Freiheiten zu verzichten, wenn wir dafür das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, Anerkennung und Selbstdarstellung befriedigt sehen. Denn, ob nun Frau Merkel, oder Herr Zuckerberg auf unsere privaten zugreifen ändert am Vorgang an sich überhaupt nichts. Es ist ein eklatanter Eingriff in unsere Intimsphäre.

Haben wir das Recht uns darüber aufzuregen? Oder anders, kann jemand, der sich ratzevoll ablichten lässt und dies dann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht sich über CCTV echauffieren? Kann jemand, der den Status seiner Darmaktivitäten seinen 100, 200 oder 1.000 „Freunden“ zur Verfügung stellt sich über die Speicherung seiner Arztdaten aufregen? Kann jemand, der das neueste Spy-Tool von Facebook „Places“ nutzen will ernsthaft den Überwachungsstaat ablehnen?

Ja er kann, denn als wir (und ich denke ich spreche für den Großteil der User) uns auf dem sozialen Netzwerk facebook angemeldet haben, war die Hauptintention nicht, einem Unternehmen Millardenschwere Datenpakete zu schenken, die dieses dann an seine echten Kunden verkaufen kann. Mancher wird jetzt sagen: „Moment, das steht in den Nutzungsbedingungen und man kann in der Privatsphären-Einstellung ganz viel verweigern!“. Das ist prinzipiell richtig, aber zum einen möchte ich nicht alle 4 Wochen 4 DIN A4 Seiten AGBs lesen müssen, da wieder eine neue juristische Hintertür gefunden wurde und zum anderen sehen wir ja jetzt, dass im Zweifelsfall eben durch Lügen das Vertrauen der eigenen User missbraucht wird. Wir wollten unkompliziert mit unseren Freunden weltweit vernetzt sein, wollten uns austauschen, Bilder anschauen und sogar alte Freunde tatsächlich wiederfinden. Aber nicht zu lasten unserer Privatsphäre und vor allem zu Lasten unserer unwissender Freunde.

Und es kommen immer wieder neue Dinge hinzu. Der Dislike-Button z.B. Warum auch immer man diesen braucht, facebook scheint sich konsequent gegen diesen zu sträuben. Das öffnet unseriösen Kunden des Dienstes Tor und Tür, um dieses Bedürfnis für ihre Zwecke zu nutzen. Wer also in den letzten Wochen glaubte sich diese bescheuert unnötige Funktion runter zu laden (und ich Vollidiot war versucht es zu tun) musste erst einem zahlenden vermutlich zahlenden Kunden von facebook gestatten die gesamten Daten des eigenen Profils zu scannen. Das ist für mich, als würde mein Kippendealer aus dem Nachbarskiosk bestimmen, dass ich erst dann meine Glimmstengel bekomme, wenn ich ihm die Telefonnummer von 10 gutaussehenden, rauchenden Freundinnen rausrücken. Würdet IHR das tun?

Oder der gerade in den Vereinigten Staaten eingeführte Service „Places“, mit dem man sogar seinen aktuellen Standort gps-basiert auf den Meter genau angeben lassen kann. Einige werden das schon als z.b. foursquare kennen, dessen nutzen mir schon bei der Einführung nicht klar war. Warum sollte ich wollen, dass alle Welt weiß, wo ich gerade bin? Was und vor allem WEM nutzt das? Sollte ich mich mit Freunden treffen wollen, kann ich das individuell klären. Und niemand kann ernsthaft grundsätzlich gefunden werden wollen, oder? Wer also nun auf die Idee kommt, solch einen Dienst zu nutzen, sich aber darüber aufregt, dass wir via Handy vom Staat durch dessen ausführende Organe geortet werden können, muss sich fragen, ob er den Begriff „schizophren“ richtig verstanden hat. DAS zumindest wird eine Barriere, die ich nicht überschreiten möchte.

Ja, auch ich bin ein FAV, ein facebook-addicted-vivtim, und werde es vermutlich aus Bequemlichkeit nicht über mich bringen mich JETZT abzumelden, denn ich habe selten so viel Kontakt mit Menschen halten können, wir zur Zeit. Aber ich werde nach und nach meine Daten reduzieren, mir besser überlegen, was JEDER wissen darf und was ich dann doch lieber mit bestimmten Personen beim Kaffee bespreche.

In diesem Sinne, denkt daran: Sich daten hat nichts mit deinen Daten zu tun!

LeBambi

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12 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, internet, Website

12 Antworten zu “In ya face(book) …

  1. Flotzge

    ach ja … schön …

    wie gesagt, jeder ist seiner eigenen Privatsphäre schmied …

    und wer sich mit Facebook einlässt, der möchte einen Teil dieser teilen.

    und gegen überwachungskameras habe ich grundsätzlich nichts … liegt vielleicht daran das man in london da abgestumpft wird … aber ich hab kein schlechtes gewissen, also muss ich mir deshalb auch keine gedanken machen … im gegenteil, sie suggerieren mir sogar eine art sicherheit …

  2. Pferdesalami

    du sprichst mir aus dem Herzen. Der große Bruder steht über uns, wird immer größer, hat mittlerweile 24/7 , ich sach mal ganz salopp, eine webcam auf uns gerichtet. Ganz davon abgesehen, dass wir aus der Geschichte, Literatur und Film gelernt, oder zumindest die richtigen Schlüssel gezogen haben sollten, fühlen sich die Menschen dennoch frei und unbeobachtet. Bzw. die wenigen Gegner sind machtlos. Google hat zwar aus Kulanz die Widerspruchsfrist bzgl. streetview um (oder auf) 8 Wochen verlängert.
    Ein weiteres Beispiel: Wenn ich mit „meinem“ dicken BMW, AUDI oder Daimler fahre, hat der interne Bus im Fahrzeug alle Daten parat und überwacht diese. Kommt es zur Panne muss ich nicht mal mehr nen Abschleppdienst anrufen. Im besten falle kommen die Servicemännner zum Fahrzeug um dieses zu warten/reparieren. Kurzum, mein (nur in fiktiven Besitz befindliches) Fahrzeug kann jederzeit geortet werden.
    Das mag ein Vorteil sein, muss es aber nicht.

  3. lebambi

    Hey Flotzge, ich verstehe deinen Standpunkt, aber

    1.) Die Problematik mit facebook besteht noch nicht so lange, wie mein Account
    2.) Es geht nicht darum, dass man sich irgendeiner Schuld bewusst sein muss, um die totale Überwachung bedenklich zu finden.

    Ich habe auch keine Vorstrafen, führe kein kriminelles Doppelleben, aber dennoch habe ich persönlich ein Problem damit, wenn ich überwacht werde…
    Diese Verantwortung, die aus dieser Macht entsteht, traue ich keinem Menschen zu und vor allem nicht unseren „Machthabern“

  4. Flotzge

    was macht dich denn so sicher das die Überwachung nur wegen dir ist ?
    vielleicht wollen die gar nicht deine Informationen, dein Leben durchleuchten … also ich geh davon aus das mein Leben nicht so interessant ist, das es jeder sehen möchte …

  5. lebambi

    Flotzge, ich bin mir sogar relativ sicher, dass es NICHT um mich geht, beim großen Lauschangriff.

    Aber dieser Überwachungsgedanke treibt bisweilen seltsame Auswüchse und wenn wir nicht sehr sehr vorsichtig sind, dann werden solche Daten schnell zur Waffe gegen uns selbst.

    Wenn z.B. Krankenkassendaten abgerufen werden können, kann man davon ausgehen, sobald Unternehmen solche einsehen können, wird nach Anamnese eingestellt.

    Die Regierung wollte ja auch schon die IDCard, auf der dann z.B. auch evtl. Gewerkschaftszugehörigkeit gespeichert werden sollte, Teilnahme an Streiks, etc.

    So geht es aber nicht, der Staat hat eine Fürsorgepflicht und kein Spionagerecht!

  6. lebambi

    Und gerade lese ich, dass auch ich den Freundes Finder genutzt habe …

    Tja, dann muss ich mich wohl entschuldigen, wenn sogar ich den Freundes Finder nutze, dann ist der bestimmt gar nicht schlecht, denn ich muss es ja wissen …

    Werde mal prüfen, ob man dagegen juristisch vorgehen kann, wobei ich mir fast sicher bin, dass der gerichtsstand Amerika ist und man nicht vergessen darf, wie viel Geld Mark hat und ich keine Rechtsschutzversicherung habe …

    NOCH nicht!

  7. Guy

    @lebambi
    Aus Langeweile habe ich einige deiner Ergüsse gelesen. Je länger je mehr musste ich mich dabei fragen, was ist das für ein Mensch. Ein Tier kann es schliesslich nicht sein. Muss ich und andere vor so einem Angst haben. Was bezweckt er, hat er gar nichts positives? Ist er vielleicht psychisch schwer erkrankt. Leidet er gar an Grössenwahn? Oder gehört er so rasch wie möglich in die Klappsmühle.
    Ist er vielleicht von dort entsprungen?
    Bitte korrekt beantworten. Danke. Dein dich erkannter Schatten.

    • lebambi

      Um aber noch die geforderte korrekte Antwort zu liefern: Es ist ein Mensch. Und zwar so einer, der es sich, wenn ihn etwas ärgert, teilweise nicht verkneifen kann den Sarkasmus-Schalter um- und auf der Tastatur loszulegen.

      Man muss keine Angst vor ihm haben, da er an sich ein „herzensguter“ Mensch ist und bei ihm niemals eine psychische Labilität festgestellt wurde. Er hat ein starkes Ego, welches aber nicht zum Größen- oder sonst einem Wahn tendiert.

      Er war nie Gast einer psychatrischen Einrichtung, wird dort hoffentlich nie hinkommen und erfreut sich auch sonst bester Gesundheit.

      Natürlich weiß ich, dass sich die Antwort an sich erledigt hatte, aber ich wollte sie dir nicht schuldig bleiben.

      LeBambi

  8. Guy

    @lebambi, (Jule)

    Meine Nachricht an „lebambi“ geschah aus einer gewissen Langeweile. Zudem habe ich zu viele Blogs gelesen. Teilweise solche, die äusserst bösartig waren bzw. sind (meistens Femi). Ich entschuldige mich bei“lebambi“ Er fällt gewiss nicht unter diese Kategorie.

    • lebambi

      Hallo Guy,

      natürlich nehme ich deine Entschuldigung gerne an, auch wenn ich deinen ersten Kommentar genauso verstanden habe, wie er scheinbar gemeint war. Also alles gut und in einem Punkt hast Du Recht und damit das Recht kritisch zu sein: Die letzten Artikel waren zumeist bösartig und auch extrem, aber ich hoffe Du hast auch ältere Beiträge gelesen, wie den Liebesbrief an Hamburg…

      LeBambi

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