Immer mitten in die Fresse rein…

Altes Bild, aktuelle Message!

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Gewalt erzeugt Gegengewalt… Und so weiter. Was als Unverständnis in der Stuttgarter Bevölkerung begann, zu einer bundesweiten Diskussion heranwuchs und in einer brutalen Strafaktion des Staates an seinen Bürgern gipfelte, wird heute Thema meiner morgendlichen Erbrechaktion. Was passiert, wenn ein Staat nicht seine Bürger, sondern die Interessen der Lobby schützt – Ein kurzer Abriss!

Hallo zusammen,

Die S21 kennen die Hamburger eigentlich als Ost-West verbindende S-Bahn zwischen Aumühle und Eidelstedt, aber spätestens seit gestern hat sich das massiv geändert. S21 als Prestigeprojekt für Stuttgart erhitzt die Gemüter und das zu Recht. Denn wenn man die Fernsehbilder gestern verfolgt hat, kommt einem die Frage einer Demonstrantin, ob man hier im Iran sei, gar nicht mehr so zynisch vor.

Der Reihe nach. Stuttgart 21 ist der Plan, den alten Kopfbahnhof (das ist ein Bahnhof, der nur einseitig befahrbar ist (anders als z.B. HH, aber genau so, wie FFM und M) in einen unterirdischen Durchfahrtsbahnhof umzubauen. Daran kann erst einmal niemand etwas schlechtes entdecken, glaube ich. Dass dafür der alte Bahnhof weg muss ist klar. Blöd nur, dass das Ding unter Denkmalschutz steht. Denn das bedeutet, dass es sich um ein schützenswertes Gebäude handelt. Normalerweise übernimmt diesen Schutz der Staat, damit Investoren nicht einfach alte Gebäude abreissen, um neue Glas-Beton-Paläste an deren Stelle zu setzen. In diesem Fall hat der Staat aber entschieden (und bitte entschuldigt an dieser und vielen weiteren Stellen die abgedroschene Redewendung „der Staat“), dass dieses ehemals schützenswerte Gebäude halt woanders stehen müsste, weil da wo es jetzt steht, steht es eben falsch. Also weg damit.

Ich denke, dass sogar dieser Umstand für sich allein noch nicht unbedingt zu Massenkundgebungen führen würde. Hinzu kommt nämlich folgendes. Der Abriss, Rückbau und Neubau des Stuttgarter Bahnhofs war ursprünglich mit 2,8 Milliarden Euro budgetiert worden (1997). Bereits 2008 wurden die tatsächlichen Kosten auf 3,07 Milliarden erhöht. Im Dezember 2009 wurde dann nochmals auf 4,1 Milliarden aufgestock. Und seit dem steigen die Kosten praktisch monatlich und exponentiell an. Während die Investoren noch von 11 Milliarden bis zur Fertigstellung sprechen, hat der Bundesrechnungshof bereits eine Schätzung von über 15 Milliarden aufgestellt.

Ich mache jetzt mal kurz einen populistischen Vergleich: Wenn ich im Restaurant einen Tisch für 2 reserviere und im Vorfeld das auf der Karte mit 35 EUR augeschriebene Menü für 2 Personen bestelle, dann kann ich davon ausgehen, dass ich 70 EUR für das Essen ausgeben werde (dass ich mich da natürlich mit Wein dicht ziehe und deswegen etwas mehr mitnehme ist ein anderes Thema). Ich rechne nicht damit, dass ne halbe Stunde später das Restaurant zurückruft, um mir zu sagen, dass das Menü jetzt 40 EUR kostet. Oder, dass ich in der Bahn einen neuen Anruf bekomme, dass es doch eher 50 EUR werden und erst Recht zahle ich nicht am Ende des Abends 80 EUR pro Person, weil sich jemand vertan hat! Aber genau so stellt sich das im Hinblick auf Stuttgart 21 aktuell für mich dar.

Aus welchem Grund auch immer die Leute jetzt auf die Straße gehen, ob es klassische Baumliebhaber sind, oder hart rechnende Schwaben (dafür sind sie ja bekannt), oder Menschen die enttäuscht sind, weil man die Bürger überhaupt nicht mehr berücksichtigt, wenn Entscheidungen gefällt werden, die vor allem die Bürger betreffen, jeder hat einen guten Grund. Und in einer Demokratie muss der Staat die Belange seiner Bürger respektieren. Auch wenn dieses Scheißvolk anderer Meinung ist, als es die Interessen der Politischen Kaste verlangen. Das heisst nicht, dass wir kleine Gruppe von Spinnern, nur weil wir darüber auf Facebook lamentieren, Blogbeiträge schreiben, oder tatsächlich auf die Strasse gehen, unbedingt und unverzüglich unsere Meinung durchsetzen müssen, aber zum einen haben wir das verfassungsmäßige Recht unsere Meinung kund zu tun und zum anderen müssen auch die Belange der Bürger geprüft werden, ehe man eine Innenstadt platt macht. Denn mal abgesehen davon, dass wir einen großen Teil dieser Kiste bezahlen (Steuern ist das Zauberwort), die Momentaufnahem an Einschränkungen, die Einzelne durch den Bau erfahren ist nicht zu vernachlässigen.

Wird aber nicht gemacht. Und deswegen gehen die Leute auf die Straße. Weil sie es können. Und weil sie es dürfen (Thema Versammlungsfreiheit). Und wir sprechen hier jetzt nicht von aufgekratzten Krawallhorden oder Hooligans, bei denen man ein Gewaltpotential vorausseten muss kann, sondern wir sprechen von dir und mir. Vom normalen Durchschnittbürger, von Lieschen Müller, oder wie auch immer. Wir sprechen von Senioren, Angestellten, Schülern und Studenten, wir sprechen von Familien, Kindern. Ein kleiner Schnitt durch die Gesellschaft, der sich da an Bäume kettet und Baustellenzufahrten blockiert. Transparente mit unterschiedlicher Rethorik und einer Nachricht: Kein S21! Diese Menschen wollen das Ding nicht. Und sie haben ein Recht, etwas nicht zu wollen.

Aber, wie das Wort Staatsgewalt ja zu genau 50% aussagt, ist Gewalt ein Mittel, das der Staat gegen seine Bürger (mittlerweile recht schnell) zur Hand hat. Und so wurde die in meinen (zugegebener Maßen räumlich distanzierten) Augen friedliche Demonstration brutal niedergeknüppelt. Und allen, die das nicht so dramatisch finden sei gesagt: Nur, weil in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern noch nicht scharf auf Demonstranten geschossen wird, ist das keineswegs eine Bagatelle. Und ich finde es blanken Hohn, wenn von Seiten der Politiker jetzt der überharte Einsatz verteidigt wird.

Um mal eben alles Ratio auszublenden und dafür die Emotionen sprechen zu lassen: Da hat jemand richtig in die Scheiße gegriffen, als er den Befehl gegeben hat, auf Kinder einzuschlagen, Rentern mit Wasser das Auge auszuschiessen, Demonstranten mit Pferden umzureiten und Familien mit Tränengas zu bepflastern. Da hat irgendwer (vermutlich kein „Einzeltäter“) eine brutale Attacke auf harmlose Menschen befohlen. Und diese Dreckschweine werden auch noch politisch geschützt. Heribert Rech(t) (wie geil der Name da einfach passt) der Innenminister von Baden-Württemberg hat ganz klar formuliert, wie er das Ganze bewertet.

Zwick mich mal bitte einer… Hat der mann wirklich davon gesprochen, dass die Kinder „instrumentalisiert werden“? Und hat er WIRKLICH grobe körperliche Gewalt als adäquates Mittel gegen friedlich demonstrierende Familien verteidigt??? Kann mir mal bitte einer sagen, was denn bitteschön jetzt los ist? Ist der betrunken vor die Kamera gegangen, oder meint er das Ernst? Und es geht weiter: Peter Hauck (CDU Fraktionschef Baden-Württemberg) hat auch schon die Schuldigen an der Eskalation der Gewalt gefunden: „Da geht die Saat, die die Grünen mitgelegt haben auf!“ und weiter „Ich wehre mich dagegen, mich unter das Diktat von Altkommunisten und Altlinken zu stellen, die in den letzten Wochen die Rädelsführer des Protestes waren.“ Genau Herr Hauck, denn wie immer haben die Schuld die Anderen. Ich wette fast, dass man im Innenministerium und der Konrad-Adenauer-Straße 12 (man freut sich dort übrigens über Fanpost, die diese Aktion betrifft) etwas missmutig geschaut hat, weil dieses Mal den „ersten Stein“ eben nicht diese „Scheiss Demonstranten“ geworfen haben, sondern man halt irgendwann von sich aus gewalttätig werden musste. Mistekacke, das sieht in der Zeitung nicht sooooo gut aus, aber immerhin, wir zeigen dem verdammten Volk, wer das sagen hat und „wo der Bartel sein Moscht holt“.

Ministerpräsident Mappus, das ist (der hier) der Digge, der immer aussieht als hätte er Spaß im Restaurant Job, wird sich als harte Kampfsau beweisen müssen, denn nun geht es erst richtig los. Wenn eine Landesregierung sich, um die Interessen der Wirtschaft zu wahren, gegen seine Bevölkerung stellt, so ist das weder neu, noch ungewöhnlich. Wenn sie dafür aber gepanzerte Truppen schickt, dann Herr Mappus, verweise ich auf das Ärzte Zitat aus der Einleitung.

In diesem Sinne, Kopf (und Bahnhof) hoch Stuttgart, you`ll never walk alone!

LeBambi

P.S. (Nachtrag zu der Bemerkung mit den Schwaben): Einen weiteren lesenswerten Beitrag von einem ehemaligen Landsmann habe ich gestern entdeckt, dieser ist deutlich eher „vor Ort“.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines, Gesellschaft, Politik

7 Antworten zu “Immer mitten in die Fresse rein…

  1. lebambi

    Und mir kann doch keiner erzählen, dass z.B. dieser Schlagstock- und Tränengaseinsatz gerechtfertigt ist..

    Und wie immer, wird es für die Gerichte „UNMÖGLICH“ sein, die Beamten zu identifizieren!

  2. Flotzge

    Ein Artikel in gewohnt guter totaler Scheiss Qualität.
    Danke

    Zusätzlich gibt es noch ein paar Infos für S21

  3. Pingback: Die Macht geht vom Volke aus | + Blog'n'Roll +

  4. Cendrillon

    Hauptsache man hat eine Meinung zu dem Thema. Und sei sie auch noch so unsinnig.

  5. lebambi

    Aha, also unsinnig…
    Weil?
    Ist es zu kontrovers, oder gibt es in diesem Fall nur EINE sinnvolle Meinung, nämlich die, dass dieses Drecksding alles rechtfertigt, was geschehen ist und es richtig ist?

    Da bin ich mal gespannt!

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