„Why are you doing this to me my brother?“

Mit einem privaten KLM Flug Nummer 0589 am 3. Januar 2011 14 Uhr ab Amsterdam wurde jemand gegen seinen Willen zurück nach Ghana abgeschoben.


Vor dem Start wies sich ein holländischer Jeans-Hemd-Sacko-Typ mit Gel-Haaren als Immigration-Officer aus und erklärte, dass in wenigen Minuten jemand an Bord kommen und nach Accra fliegen würde, der nicht will aber muss, weil er illegal in den Niederlanden sei. Und „he could make some noise, but after Take off it normally gets calm. Then they know it doesn’t make any sense!“ Die Franzosen neben mir verstanden nur Bahnhof und ich schaute ihn nur fassungslos an. Er schob hinterher, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, er sei in Handschellen und sie ja zu dritt. Offenbar kam ihm gar nicht in den Sinn, dass ich keine Angst hatte sondern von ihm angeekelt war. Spätestens nach meinem Blick dürfte es ihm aufgefallen aber an ihm abgeprallt sein.

Familien mit Kindern wurden notdürftig auf andere Plätze verteilt und die Bühne frei für den Abschiebekandidaten. Ich geb es zu, auch wenn es weibisch ist – ich fing sofort an zu weinen. Dieser Mann wehrte sich mit Händen und Füßen, wurde von 3 Leuten festgehalten und sehr unbequem auf die 3er-Sitzreihe in der letzten Reihe Mitte (also 2 Reihen hinter mir) gedrückt. Er schrie und weinte. Da es niederländisch war konnte ich nicht viel verstehen, nur manchmal switchte er ins englische und ein paar Fetzen der holländischen Sprache versteht man dann ja auch noch.

Soviel ich verstehen konnte rief er Jesus um Hilfe. Und Allah. Und Gott. Und fragte nach seiner Tochter. Sagte er sei kein Krimineller, er habe immer gearbeitet und lebe nun seit 18 Jahren in Holland, es sei sein zu Hause. Was denn bitte sein Verbrechen sei, er sei kein Krimineller. Die Antwort darauf konnte ich nicht verstehen.

Sie mir aber denken: keine Aufenthaltsgenehmigung, damit illegales Leben und Arbeiten in den Niederlanden.

Die 3 Officers wirkten sehr brutal und es waren auch noch 2 Polizistinnen mit an Bord vor dem Start. Aber so richtig sehen konnte man es auch nicht, denn man wollte ja auch nicht gaffen.

Als er begann um Hilfe zu schreien und dass er keine Luft bekäme und sein Bein weh tut standen Leute auf und es wurde unruhig. Natürlich standen nur Ghanaer auf. Kein Weißer (inkl. mir) wagte es, sich einzumischen. Ich hätte es auch nicht gekonnt. Kein Wort wäre herausgekommen vor Weinen. Die übrigen Weißen reagierten entweder mit einem hilflosen Gesicht, Kopfhörern oder Lachen und Kopfschütteln (was man, wenn man nett ist, auch als Hilflosigkeit auslegen könnte).

Mich machte das richtig wütend. Da wird ein Mensch offenbar von seiner Tochter und seinem ganzen Lebensmittelpunkt der letzten 18 Jahre getrennt und in ein Land gebracht, dass möglicherweise nicht mal mehr seine Heimat ist. Er wird seiner Freiheit und seiner Würde beraubt und ich schaffe es nicht, mehr zu tun als zu weinen und anderen kannst du die Beschämung ansehen? Und vielleicht ein kleines bißchen Genugtuung, weil ein Fremder weniger in der „Heimat“ ist? Und Ungeduld?

Schließlich haben sie für den Flug bezahlt, und wollen ihre Ruhe, ihren Tomatensaft mit Pfeffer und Salz. Und sich nicht Gedanken machen müssen. Und bitte auch nicht vor den Kindern. „Werden die noch früh genug merken, dass wir hier unsere Grenzen schützen. Aber doch auch damit wir ihnen eine Ausbildung ermöglichen können und sie nicht 80% ihres Lohns für Sozialschmarotzer ausgeben müssen. Sollen die doch in ihrem Land klarkommen.“ So einfach machen wir uns die Welt. Und werden massiv gestört, wenn die Realität mal mit uns im Flieger sitzt.

Die Landsmänner mischten sich also ein und es wurde laut. Eine Frau kämpfte sich nach vorne und sagte, sie sollen ihn vernünftig behandeln. Es sei ein menschlichesWesen, wie alle anderen hier im Flieger auch. Der Steward (oder Kapitän?) wies sie an sich auf ihren Platz zu setzen, sie dachte gar nicht daran und diskutierte weiter. Bis er ihr drohte, sie des Flugzeugs zu verweisen. „You can not do this!“ sagte sie, was er mit einem scharfen „oh yes, I can, and now take your seat please!“ beantwortete.

Nun ist er ruhig. Schluchzt noch ab und zu und stellte nur eine Frage, die mir durch Mark und Bein ging:

 

“Why are you doing this to me my brother?“

 

 

kreativgeschwister

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft

6 Antworten zu “„Why are you doing this to me my brother?“

  1. peter

    nächstes mal filmen und ins internet stellen. heute haben doch alle handys kameras. ich meine anstatt so hinter tränen zu verstecken.

    • ja, klar. oder einfach gar nichts tun, seinen Tomatensaft trinken und es ignorieren. So dass alle im Umfeld auch nicht darauf aufmerksam werden und sich mal mit dem Thema beschäftigen.

      Danke für den konstruktiven Hinweis.

    • Im Ernst: ja, ich hätte das auch zum Anlass nehmen können, einen strikt recherchierten Artikel schreiben zu können. Mich haben diese Artikel, nüchtern wie sie waren, aber nie so richtig mit dem Thema in Berührung bringen können. Es war einfach zu weit weg.

      So versuch ich eben was anderes und glaube, dass einige Menschen, die nicht sowieso im Thema stecken, so einen Zugang finden.

      Kannst du kritisieren oder nicht.

      Aber als voyeuristisch sollte der Artikel nicht rüberkommen, tut mir leid, wenn das so rübergekommen ist.

      Solltest du die Aussage gar nicht ironisch gemeint haben, dann hab ich keine Antwort, nur Kopfschütteln.

  2. Fab

    ich weiß ehrlich gesagt nicht was ich dazu sagen soll.
    zwar sehe ich zum einen das eine abschiebung ohne gewalt funktionieren sollte und das auch leute abgeschoben werden, die seit jahren hier leben, ihren job, heim und familie hier haben und „gut integiert“ sind. was nicht die richtige lösung ist.

    auf der anderen seite: ich weiß nicht die gründe wieso er abgeschoben wird. er könnte mir alles erzählen ich kann es nicht nachprüfen und muss mich im zweifel auf den rechtstaat verlassen. die justiz kann ich ja nicht in die eigene hand nehmen.

    z.b. so jemand hier würde mir auch alles erzählen wenn er abgeschoben werden würde:
    http://taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/von-den-toten-eingeholt/
    dieser typ würde sich sicher auch mit allem was er hat gegen eine ausweisung wehren und um mitleid kämpfen.

    daher: ich weiß es nicht wieso er abgeschoben wurde, daher kann ich nicht urteilen.

  3. Georg

    Video von der verhinderten Abschiebung im Air France Flug nach Mali. Antirassist_innen, die auf dem Weg zur Karawane dort waren, haben versucht, die Abschiebung zu verhindern, wurden (kurzzeitig) verhaftet.

    Genaueres in der Videobeschreibung + Indymedia-Artikel mit weiteren Infos
    http://de.indymedia.org/2011/01/298235.shtml

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